@ElNonsk
Zum Thema
Güte historischer und naturwissenschaftlicher Beweise/Theorien:
Wenn man Beweise lediglich als Verweise auf Tatsachen (für die Formalwissenschaften gilt das im übertragenen Sinne als Verweis auf Axiome und Schlussregeln) betrachtet, sind historische wie naturwissenschaftliche Beweise freilich gleich zu bewerten: nämlich als nutzlos, da sie gar nichts beweisen, ja nicht einmal Beweise sind. Hiervon ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu den durch die jeweiligen Beweise gestützten Theorien, über deren Wahrheitsgehalt wir aufgrund nutzloser Beweise ebenfalls nichts sagen können. Aus dieser Perspektive gilt dann freilich für jede Theorie, ob nun aus den Geschichtswissenschaften oder den Naturwissenschaften, dass sie gleich gut bewiesen sind: nämlich nicht.
Wenn du allerdings die pragmatische Dimension mit einbeziehst (was in diesem Thread bisher, soweit ich das überblicken kann, noch nicht ernsthaft getan wurde), dann gibt es von Theorie zu Theorie Unterschiede. So ist z.B. die Theorie, dass die Erde etwa kugelförmig ist, gewiss nützlicher als diejenige, wonach sie eine Scheibe ist. Was wir aber über die Wahrheit der beiden Theorien wissen, das ist für beide noch immer dasselbe: nämlich nichts.
Da jedoch Anwendbarkeit (welche sich in der pragmatischen Dimension entfaltet) ebenso ein Kriterium für die Güte einer Theorie ist wie auch ihre Richtigkeit, kannst du nicht schreiben, dass historische Beweise bzw. Theorien genauso gut wären wie naturwissenschaftliche und dabei einzig auf die Möglichkeiten der Verifikation verweisen.
Sollte das hier in dem Thread doch schon irgendwo stehen, dann müssten wir die Zusammenfassung jetzt komplett haben. Oo
Das Problem ist aber, dass man nur von Störvariablen ausgehen kann, die zum Zeitpunkt des Experiments bekannt sind.
Freilich unterliegt man in naturwissenschaftlichen Experimenten dieser und noch vieler weiterer Einschränkungen; dennoch hat man mehr Möglichkeiten der Theoriebewährung als in den Geschichtswissenschaften, denn dort kann man nicht einmal bekannte Störvariablen kontrollieren, nur hinnehmen.
Stimmt, aber zumindest letzteres gilt auch für die Naturwissenschaften. Auch hier können plausible (und auch unplausible *g*)Theorien koexistieren.
Natürlich gibt es in den Naturwissenschaften unzählige koexistierende aber inkompatible Theorien, jedoch hat man in den Naturwissenschaften die Möglichkeit, Experimente zu entwickeln, um zwischen den Alternativen zu entscheiden. Diese Möglichkeit hat man in den Geschichtswissenschaften nicht: da muss man, wie schon erwähnt, hoffen, dass die Archäologen etwas für die Debatte brauchbares zutage fördern.
Stimmt, aber dasselbe Problem haben die Naturwissenschaften mit ihrer (notwendigen) Fixierung auf äußerst genaue Daten. Diese können nicht immer erbracht werden, ebenso wie manche Geschichtsquellen zuverlässiger als andere sind.
Man hat in den Naturwissenschaften jedoch die Möglichkeit, einfachere Hilfstheorien zu entwickeln oder den Versuchsaufbau zu ändern, sodass immer genügend Möglichkeiten bleiben, Theorien zumindest ansatzweise zu überprüfen. Die Geschichtswissenschaften können wieder nur auf die Archäologie hoffen.
Ohne exakte Kriterien anführen zu können, dünkt es doch intuitiv einsichtig, dass die Naturwissenschaften in Sachen Methodik den Geschichtswissenschaften weit voraus sind.
Das würde ich nicht so ohne weiteres (u. a. aus den oben genannten Gründen) unterschreiben. Das Problem an der Sache ist vielleicht, dass wir eine Wertung durchführen. Wer kann schon sagen, ob ein bestimmtes verfälschtes Ergebnis bei einem naturwissenschaftlichem Experiment oder ein verfälschtes historisches Dokument größere Auswirkungen auf die daraus folgende Theorie hat?
Es geht ja nicht darum, wie stark sich falsche Ergebnisse (sprich Messfehler oder ungenaue historische Aufzeichnungen etc.) auf unsere Theorien auswirken, sondern darum, dass man in den Naturwissenschaften durch die Möglichkeit der Durchführung eines Experiments eine recht gute Methode zur Verfügung hat, Störvariablen unter Kontrolle zu halten. In den Geschichtswissenschaften muss man hingegen mit dem leben, was man zur Verfügung hat. Wenn der Physiker die Vermutung hat, dass der Ziegelstein in seinem Experiment gen Himmel fliegen wird, statt, wie es seine Theorie nahe legt, gen Erde, wenn unter dem Ziegelstein eine auf Hochbetrieb laufende Flugzeugturbine steht, kann er den Versuchsaufbau so gestalten, dass er sich von Flugzeugturbinen fernhält, um diese Störquelle zu eliminieren. Wenn der Historiker hingegen die Vermutung hat, dass in seiner antiken Schriftrolle nur darum eine AK-47 erwähnt wird, weil sich irgendwer mal einen Spaß erlaubt hat, so kann er die Zeit nicht einfach zurückdrehen. Er muss dann zusehen, ob er nicht in seinen andere Fundstücken Antworten findet.
Das Geschichts- wie auch Naturwissenschaft bei der Überprüfung von Theorien mit argen Problemen zu kämpfen haben, ist freilich nichts überraschendes. Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, das Experiment zu unterschätzen: es ist vor allem der Praxis des Experimentierens zu verdanken, dass die Naturwissenschaften uns in so kurzer Zeit dahin gebracht haben, wo wir heute sind (im Positiven wie im Negativen). Wie wirr es in der Wissenschaft vor Bacon zuging, sollte dir als jemandem, der sich mit scholastischer Philosophie beschäftigt, bekannt sein.
Zum Thema
Popper:
Wenn man Poppers wissenschaftstheoretische Überlegungen als Analyse des Wissenschaftsbetriebes betrachtet, sind sie schlichtweg falsch. Niemand betrachtet seine Theorie als widerlegt, wenn sich einmal ein unerwarteter Ausreißer beobachten lässt.
Als Analyse der Wissenschaftsgeschichte sind Thomas S. Kuhns
Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen DAS Standardwerk. Alles, was zum Thema Wissenschaftsgeschichte nach Kuhn kam, waren lediglich Verfeinerungen seiner Überlegungen (wobei Kuhn genaugenommen bloß die Gedanken von Ludwik Flecks
Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache rezitiert hat; Fleck kennt aber irgendwie niemand, daher ist Kuhn angemessener).
Ein weiterer Klassiker sind Imre Lakatos’
Die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. Das Ding kann man als Versuch der Verknüpfung von Poppers und Kuhns Überlegungen betrachten. Nebenbei wird schön erklärt, was man alles machen kann und was auch gemacht wird, um eine Theorie vor dem pöhsen, pöhsen popperschen Gegenbeispiel zu retten.
Der letzte im Bunde ist Paul Feyerabend mit
Wider den Methodenzwang.
Methodenzwang war ursprünglich als Gemeinschaftsarbeit mit Lakatos geplant, der einen Teil
Für den Methodenzwang beitragen sollte. Leider ist der aber zu früh weggestorben. In
Methodenzwang geht es im Grunde darum, dass in den Wissenschaften völlige Anarchie herrscht: „anything goes“ ist das Credo.
Darüber hinaus kann man noch Poincare, Duhem, Quine (beide zusammen ergeben die Duhem-Quine-These), Stegmüller nennen. Ich würde dir aber Kuhn empfehlen.
Bleibt noch die zweite Lesart von Poppers
Logik der Forschung: die als Wissenschaftsleitfaden. Wenn Popper die
Logik so gemeint hat, dann muss man ihn schlichtweg naiv nennen. Da sitzen Leute, die sich ihr Leben lang mit Wissenschaft beschäftigt haben, seit etlichen Jahren an ihrer Theorie basteln und dann kommt so ein kleiner Popper daher und meint „hey, aber wenn ihr auch nur ein einziges Gegenbeispiel findet, dann habt ihr eure Theorie gefälligst ad acta zu legen“. Ich denke nicht, dass es so gemeint war, aber wenn doch, dann lol
Was den logischen Positivismus angeht, den Popper in seiner
Logik ja vornehmlich angreift, musst du mal nach Literatur zum Thema
Wiener Kreis suchen. Mitglieder waren u.a. Moritz Schlick, Kurt Gödel, Otto Neurath und Rudolf Carnap. Darüber hinaus bestanden Kontakte zur Berliner Gruppe um Hans Reichenbach, zur polnischen Schule um Lukasiewicz, Tarski etc. und auch zu Einstein, Wittgenstein, Frege, Hilbert und Russell. Du kennst ja Gödel halbwegs (oder besser?): Die anderen waren genauso krass oder noch krasser drauf; genaugenommen die Creme de la Creme der analytischen Philosophie und Mathematik (und verwandter Gebiete....wir wollen ja mal den Einstein nicht unter den Tisch fallen lassen). Popper hatte sich dabei vor allem gegen Carnaps
Der logische Aufbau der Welt gerichtet, daher ist Literatur dazu angebracht (dazu gibt’s reichlichst). – Damit am Ende ein schöner Spruch steht: Nachdem ich mit Popper vertraut war, habe ich mich gefragt, wie blöde die Vertreter des logischen Positivismus eigentlich waren. Nachdem ich mit dem logischen Positivismus vertraut war, habe ich mich gefragt, wie blöde Popper eigentlich war
Da ich nur mal ein Seminar zum Thema besucht habe, habe ich genaue Zahlen nicht im Kopf, aber diese ganze Kritik an der menschlichen Erkenntnisfähigkeit (das objektive Erkenntnis nicht möglich ist usw.) wurde schon im Ausgang des 19. Jahrhunderts im Neukantianismus ziemlich stark gemacht (1870/80 rum oder so, also über 60 Jahre vor Poppers
Logik)...ich habe gerade – ganz unphilosophisch – bei Wikipedia ein Helmholtzzitat von 1877 gefunden, das mir auch noch im Kopf hängen geblieben ist:
„Ich bitte Sie nicht zu vergessen, dass auch der Materialismus eine metaphysische Hypothese ist, eine Hypothese, die sich im Gebiet der Naturwissenschaften allerdings als sehr fruchtbar erwiesen hat, aber doch immer eine Hypothese. Und wenn man diese seine Natur vergisst, so wird er ein Dogma und kann dem Fortschritt der Wissenschaft ebenso hinderlich werden und zu leidenschaftlicher Intoleranz treiben wie andere Dogmen. Diese Gefahr tritt ein, sobald man Tatsachen zu leugnen, oder zu verdecken sucht.“
(http://de.wikipedia.org/wiki/Neukantianismus#Kritizismus)
Diese ganze Debatte hat weitaus weitere Kreise geschlagen, aber da habe ich leider keine genaueren Informationen zu. Letztlich sind die Wissenschaften davon aber nicht unberührt geblieben (Ausreißer wie deinen Alvarez gibt es freilich immer...Wissenschaftler sind eben auch nur Menschen).
Was Poppers Stellung in der Geschichte angeht, ist diese natürlich nicht zu unterschätzen. Er gehört zu den bekanntesten Wissenschaftstheoretikern überhaupt. Das hat er aber eben auch dem Umstand zu verdanken, dass seine
Logik ein wirklich provokativer Angriff gegen den logischen Positivismus war und eine entsprechende Debatte losgeschlagen hat. Wirklich Neues hat Popper für die Wissenschaftstheorie nicht gefunden (Leute wie Duhem haben den Prozess von Theorieentwicklung und –widerlegung bereits lange vor Popper wesentlich scharfsinniger analysiert), nur halt alten Kram rausgemöhlt und gut verkauft.