Entschuldigt nochmals, dass es so lange gedauert hat.
Wir waren uns vor einiger Zeit mehr oder weniger darüber einig (aus Provokation oder aus irgendwelchen anderen Gründen), dass ein philosophischer Gott ("1. Grund allen Seins") angenommen werden kann. Wir können uns jetzt noch mit Feuerbach, Marx und Nietzsches Religionskritik befassen. Schlussendlich würden wir aber immer zum selben Schluss kommen. Selbst wenn es solch ein "Wesen" gäbe, muss dieses keinesfalls notwendigerweise die Eigenschaften des christlichen Gottes besitzen.
In der Tat ist der philosophische Gott im Wesentlichen nur selbstbezogen, rein sich selbst beschauendes Denken, mit einem Wort: "neutral".
Der Großteil der Menschen gesteht ja heute noch immer in irgendeiner Form zu, dass es so etwas wie "ein höchstes Wesen" (= philos. Gott) gebe. Man findet es aber absurd, dass sich dieses Wesen mit dem Menschen befassen solle. Es scheint ein naiver Anthropomorphismus zu sein, der eben "typisch Mensch" ist. Möglicherweise kann man ihn auf die frühere Situation des Menschen zurückführen, als der Mensch noch in einer „kleinen Welt“ lebte, in der die Erde Mittelpunkt der Dinge war und Gott nichts anderes zu tun hatte, als auf sie herabzublicken. In unserer Zeit aber, in der der Mensch und der ganze Planet Erde im Vergleich zum (unendlichen ?) Universum vollkommen bedeutungslos wirken, erscheint der Gedanke, dass sich dieses „höchste Wesen“ mit uns befassen sollte, absurd. Und wir denken dann, sehr „göttlich“ von „Gott“ zu reden. In Wirklichkeit denken wir aber allzu menschlich von ihm, so als ob der „Allmächtige“ auswählen müsste, um nicht den Überblick zu verlieren.
Das eigentliche Problem in der Diskussion um die Beweisbarkeit von geistigen Dingen ist einmal die Überschätzung des physikalischen - aber auch die Unterschätzung des historischen (oder juristischen) Beweises. Dinge, die nur einmal passierten und die nicht experimentell nachgewiesen werden können, für die wir also nur Zeugen und "Zeugnisse" (in schriftlicher oder archäologischer Form) besitzen, bezeichnen wir schnell als "unbewiesen".
Dabei ist auch die historische Wissenschaft - oder das Gerichtswesen - ein nach exakten Regeln arbeitendes System. Der Hinweis auf viele historische Irrtümer (und Fehlurteile in der Rechtssprechung) ändert daran genauso wenig wie der Vorwurf, die Physik sei kein exaktes System, weil dort ständig viele falsche Theorien aufgestellt wurden.
Bei der historischen und juristischen Wahrheitsfindung geht es im Grunde darum, nach der Glaubwürdigkeit eines Ereignisses und dessen Bezeugung zu fragen. Ist der geschilderte Sachverhalt wahrscheinlich, in sich schlüssig und hatte er Auswirkungen? Sind die Auswirkungen sichtbar, prüfbar und unverfälscht? Gibt es Zeugen für das Ereignis? Gibt es Gründe, die dafür sprechen, dass die Zeugen die Unwahrheit sagen?
Dabei ist wichtig: Alle Zeugen genießen grundsätzlich einen Vertrauensvorschuss: Ein Zeuge muss seine Glaubwürdigkeit nicht beweisen (das geht auch nicht). Im Gegenteil: Jemand, der seine Aussage anzweifelt, hat die Beweislast.
Und dennoch sprechen die Historiker von "gesicherten Erkenntnissen" und die Richter "von der erwiesenen Unschuld". Auch wenn sich diese Beweise auf einer anderen Ebene abspielen als die physikalischen oder mathematischen, so ist der Beweiskraft deswegen nicht geringer - nur die Methoden sind andere.
Kurz gefasst: Der historische Beweis ist ebenso gut/schlecht wie der physikalische. Zwingende Beweise kann es nur in einem klar definierten System wie der Mathematik geben.
Überdies sind auch die heutigen Naturwissenschaften stark vom historischen Beweis abhängig. Jedes Jahr werden weltweit Unmengen an naturwissenschaftlichen Versuchen durchgeführt. Nachdem sie von mehreren (hoffentlich) unbefangenen und voneinander unabhängigen Experten geprüft werden, werden sie für (zumindest beim derzeitigen Status der Wissenschaft) „richtig“ erklärt. Sie werden dann in der entsprechenden Wissenschaftsliteratur dokumentiert und oft nicht erneut erprobt. Es stimmt sicherlich, dass einige Versuche jedes Jahr von neuem untersucht werden. Aber bei der Unmenge an Ergebnisse werden niemals alle Experimente von neuem durchgeführt (was auch praktisch unmöglich wäre). Man vertraut hier also die entsprechende Fach-Literatur, im „schlimmsten“ Fall sogar nur auf den dahinter stehenden Wissenschaftler. Von da aus werden dann weitere Schlüsse gezogen.
Ich mache dazu ein einfaches Modellbeispiel: Eigentlich müsste man die Gravitationskraft immer wieder experimentell nachweisen. Schließlich hängt ein großer Teil der Physik von Newtons Formeln ab. Auf der anderen Seite aber will man auch in der Forschung vorwärtskommen. Was glaubt ihr, welche Experimente ein Physiker wohl durchführen wird: Solche, die nur eine bereits anerkannte Theorie „beweisen“, oder solche, die zu neuen Ergebnissen führen können (die aber auf dem bereits Erforschten und „Anerkannten“ basieren)?
Versteht mich nicht falsch, das ist nur ein Modellbeispiel. Ich bin mir bewusst, dass jeder Physikstudent mindestens einmal ein Experiment, das das Phänomen „Gravitation“ beweist, durchführen oder kennenlernen wird. Aber ebenso wird euch sicher klar sein, dass alle Versuche niemals immer wieder nachkontrolliert werden. Die Wissenschaft bezieht sich also auf schon dokumentierte „Fakten“ und forscht von da aus weiter. Es ist also evident, dass sich gerade auch die experimentellen Naturwissenschaften auf „historische Beweise“ stützen. Ohne dieses Vertrauen in bereits gemachte und dokumentierte Experimente könnte es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben.
Über naturwissenschaftliche Beweise und deren „Wahrheitsgehalt“ haben wir ja bereits gesprochen. Man könnte hier auch noch Karl Popper anführen, aber das würde zu weit gehen. Bleiben wir also dabei. Mathematische Beweise sind zwingend (obwohl wir inzwischen wissen, dass es auch in der Mathematik Ungenauigkeiten gibt – Kurt Gödel). Physikalische und historische Beweise hingegen sind nicht zwingend.
Aber sowohl der zwingende „mathematische“ Gottesbeweis (den Anselm von Canterbury gefunden zu glauben hatte), als auch der „physikalische“ Gottesbeweis des Aquinaten und alle in diese Richtung gehenden Gottesbeweise bleiben uns innerlich fern. Das liegt in der Natur solcher „Beweise“. Wenn jemand beweisen könnte, dass Alpha Centauri nicht 1,3 pc sondern 1,7 pc von unserer Erde entfernt ist, so würde diese Entdeckung sicher einige interessieren, aber sie würde wohl kaum Emotionen auslösen (außer beim wütenden Astrophysiker, der die Strecke auf 1,3 pc berechnet hatte

). Mathematische und naturwissenschaftliche Beweise berühren uns also (normalerweise) kaum in unserem Innersten.
Was wirklich von Bedeutung in unserem Leben ist, basiert fast ausschließlich auf der Ebene der historischen und juristischen Beweise: Nämlich das, was andere Menschen tun, denken und fühlen. Alles, was einmalig ist.
Eine viel größere Bedeutung auch für den Glauben spielen die einmaligen, nicht wiederholbaren und nicht experimentell überprüfbaren Ereignisse, Beweisstücke oder Zeugenaussagen, die für den Einzelnen die Existenz eines Gottes plausibel machen - oder einfach nur glaubhaft erscheinen lassen. Dabei müssen wir uns an die Regeln halten: Die Zeugenaussagen müssen ihre Glaubwürdigkeit nicht "beweisen" (das geht gar nicht), sondern Kritiker sollten - wie auch vor Gericht - Fälschungen und Falschaussagen nachweisen. Etwas, was übrigens die Theologie immer wieder macht und dadurch auf das Essentielle des Glaubens verweist.
Von all den genannten Gedankengängen ist - logisch gesehen - der historische Gottes-Beweis der „schwächste“; er lässt sich selten verallgemeinern, ist leicht zu kritisieren und ergibt fast nie einen zwingenden Schluss. Aber er ist dem Menschen näher.
Und deshalb hat (der christliche) Gott diesen Weg gewählt, um sich selbst zu offenbaren: Nicht in der Mathematik und nicht in der Physik, sondern in der Geschichte. In Menschen, die mit ihm einmalige Erfahrungen gemacht haben. Die übernatürliche Offenbarung ist historisch - nicht naturwissenschaftlich und nicht logisch. Denn Gott will für den Menschen an sich von Bedeutung sein - kein Spezialgebiet Naturwissenschaften. Damit berühren wir auch ein Thema, das nur nebenbei erwähnt werden soll. Die Wissenschaft erhält nur Antworten, die auch zu ihren Fragen passen. Wer nach Mathematik fragt, wird nur mathematische Antworten erhalten. Wer nach Physik fragt, erhält auch nur physikalische Antworten.
Fazit:
Wir waren übereingekommen, dass man den Gott der Philosophen annehmen kann.
Der Gott der Philosophen aber ist für den Menschen uninteressant. Ein „unbewegter Beweger“ hat möglicherweise einmal den Kosmos erschaffen. Aber danach interessiert er sich nicht mehr dafür. Eigentlich beinhaltet schon dieser Satz einen Fehler: Der philosophische Gott kennt gar kein Interesse. Er ist vollkommen neutral. Insofern könnte/müsste der Mensch, auch wenn es einen solchen Gott gäbe, so leben, als ob es ihn nicht gäbe, da es keinerlei Auswirkungen hätte, ob er an dieses „Wesen“ glaubte, oder nicht.
Die Verbindung von Gott der Philosophen und Gott der Christen stellt eben die Bibel dar.
Der Gott des Christentums ist nicht fühllose Geometrie des Weltalls, nicht neutrale Gerechtigkeit, sondern er hat ein Herz, er steht da als ein Liebender, mit der ganzen Wunderlichkeit des Liebenden. Nun würden viele wohl sagen, das unendlich Große, der absolute Geist kann nicht Fühlen und Leidenschaft sein, sondern nur reine Mathematik. Und genau hier liegt das Problem: Wieso soll reines Denken größer als Lieben sein? Wir gehen von unserer Vernunft aus und behaupten (ohne weiter darüber zu reflektieren), dass sie über den Emotionen steht. Meiner Ansicht nach etwas, dass wir von den alten Griechen übernommen haben und seltsamerweise selbst mit Freud (oder auch gerade deswegen) nicht abgelegt haben.
Schlussendlich kommen wir aber zu dem Punkt, den ich euch schon am Anfang der Diskussion versprochen hatte: Ob man an Gott glaubt oder nicht, liegt beim Menschen selbst. Entweder er entscheidet sich dafür, oder dagegen. Jetzt aber die Frage: Warum probiert ihr es nicht einfach? Warum probiert ihr nicht einfach zu beten? Was verliert man dabei? Im schlimmsten Fall ein bisschen Zeit (süffisante Bemerkungen zu meiner Zeiteinteilung könnt ihr euch sparen *ggg*). Voraussetzung ist natürlich absolute Offenheit: Wer von Anfang nicht will, der wird auch nie erreichen, wonach er sucht. Wer nun behauptet, dass er eine Selbstlüge oder gar eine „Selbstgehirnwäsche“ befürchtet, gibt indirekt schon zu, dass hinter Religion und Glaube mehr steckt, als nur Hirngespinste.
Der Text hat zwar eigentlich nicht den Goldstatus erreicht, aber ich hatte ja versprochen, dass der Release Anfang März erfolgen würde. Entschuldigt also eventuelle Bugs *ggg*