IVIirWirdSchlecht am 28.11.2005 21:50 schrieb:
Noch etwas dazu: Die gesamte griechische Philosophie spricht nie von der Nächstenliebe.
-> ach, du kennst die gesamte griech. philosphie?
...
Ich habe mich mit Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras, Xenophanes, Parmenides, Zenon von Elea, Heraklit, Empedokles, Anaxagoras, Leukipp, Demokrit, den Sophisten, Sokrates, Platon, Aristoteles, den Epikuräern, den Stoikern und dem Neuplatonismus ein bisschen auseinandergesetzt und maße mir jetzt mal an, mich zumindest ein bisschen in der griechischen Philosophie auszukennen. Aber du hast vollkommen Recht mit deiner Aussage, dass ich nicht die gesamte griech. Philosophie kenne.
Aber was hat das mit gott zu tun?
-> nix
a) Habe ich etwa etwas anderes behauptet?
Kann ich wenn ich kein christ bin etwa keine nächstenliebe ausführen?
-> doch klar, aber sag das net den fundamentalisten oder fanatikern
Siehe a).
Kann ich agnostiker sein und trotzdem eine moral haben?
-> natürlich
Siehe a).
Moral und Nächstenliebe sind noch lange kein anzeichen für eine gottheit
-> siehe oben
Siehe a).
und das Christentum hat diese werte, wie schon geschrieben wurde, auch nicht gepachtet.
-> siehe oben
Na also, endlich mal etwas, das in Kontrast zu dem steht, was ich gesagt habe.
Wie ich bereits zuvor geschrieben, bin ich der Ansicht, dass es die Prinzipien der
christlichen Nächstenliebe nicht vor dem Beginn des Christentum gegeben hat. Jemand hat zuvor geschrieben, dass man ja auch nach dem Prinzip "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu" früher gehandelt hat. Die Epikuräer hatten ebenfalls dieses Prinzip (das ist nur ein Beispiel; mir ist bewusst, dass es dieses Pr. schon viel früher gegeben hat). Das Problem an der Sache ist aber, dass ich dieses Prinzip immer noch als opportunistisch ansehe. Schließlich schade ich jemandem nicht, weil ich will, dass er mir auch keinen Schaden zufügt. Wenn ich aber christliche Nächstenliebe ausübe, so tue ich dies (oder sollte ich zumindest), ohne Hintergedanken zu haben. Dass sich dabei Zufriedenheit einstellt, ist eine (mögliche) Folge. Die christliche Nächstenliebe ist aber nicht (unbedingt) darauf eingerichtet.
Ich mache dazu ein Beispiel aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles:
"Das Leben von sochen, die tugendgemäß handeln, ist auch an sich genussreich. Denn das Genießen gehört zu den seelischen Dingen und einem jeden ist genussreich, wozu er sich hingezogen fühlt, das Pferd dem Pferdeliebhaber, das Schauspiel dem Liebhaber von Schauspielen; ebenso das Gerechte dem Freund der Gerechtigkeit und überhaupt das Tugendgemäße dem Freund der Tugend. Ihr Leben bedarf nicht zusätzlich der Lust wie eines Umhangs, sondern es hat die Lust in sich selber. Dazu kommt, dass jeder, der sich nicht an edlen Taten freut, auch nicht gut ist. Denn man wird niemanden gerecht nennen, der sich nicht am gerechten Handeln freut, oder großzügig, der sich nicht an großzügigen Taten freut, und ebenso beim übrigen. Wenn es also so ist, dann sind doch wohl die tugendgemäßen Handlungen an sich genussreich."
Kurz gesagt: "Tugendgemäße Handlungen" sind nach Aristoteles genussreich, aber jemand handelt nicht tugendhaft, weil er den Genuss (eigentlich meint er die "Glückseligkeit") erlangen will, sondern der Genuss stellt sich ein, weil er eben tugendhaft handelt. Ebenso verhält es sich mit der christlichen Nächstenliebe. Man handelt nicht nach ihr, um eigene Zufriedenheit zu erlangen, sondern die Zufriedenheit stellt sich ein, weil man nach dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe handelt.