aph am 19.12.2005 11:54 schrieb:
Ja sicher doch. Wenn ich glaube, dass die Wissenschaft nichts endgültig beweisen kann, dann kann sie auch Gott nicht beweisen. Darum gehts ja die ganze Zeit. Nur ... es macht für mich schon einen Unterschied, ob eine Theorie nah an das Beobachtete heran kommt oder nicht. Aus diesem simplen Satz hat sich eine komplexe Konvention unter Wissenschafltern entwickelt, innerhalb derer auch so etwas wie ein "Beweis" existiert. Dies erkenne ich an.
Ok, ich wollte nur festhalten, dass du nicht "die Wissenschaft" heranziehen kannst, um damit die Existenz Gottes zu widerlegen. Um noch einmal zu verdeutlichen auf welch wackligen Beinen die heutige Physik steht, ein weiteres Beispiel:
Der deutsche Physiker Wolfgang Pauli hat ein interessantes Verhalten von leichten Elementarteilchen festgestellt: Niemals haben zwei identische Elementarteilchen (z.B. zwei Elektronen) einen identischen Zustand. So können sich mehr als zwei Elektronen auf der «Umlaufbahn» um den Atomkern nicht die eine Bahn teilen - im Gegensatz zu den Planeten, wo es Asteroidengürtel gibt, die zu Millionen die gleiche Umlaufbahn haben. Warum? Weil Wolfgang Pauli das verboten hat.
Natürlich hat Pauli sich das Verbot nicht ausgedacht. Er hat festgestellt, dass sich Elektronen - und so auch die anderen kleinen Teilchen, die Fermionen - nun einmal so verhalten. Pauli hat daraus gefolgert, dass es in der Natur ein solches Verbot gibt - ohne begründen zu können, warum das nicht sein kann. Trotz einiger Theorien geben sich die Physiker damit zufrieden: Es ist so, weil es so ist. Deshalb ist diese Theorie auch - mit dem typischen Physikerhumor - als das «Pauli-Verbot» in die Geschichte eingegangen: Weil man nicht weiß, warum sich die Teilchen so verhalten, tut man so, als wenn sie lediglich Paulis Anordnungen Folge leisten.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Pauli-Prinzip
(jaja, ich weiß schon, auch auf Wikipedia kann man sich nicht mehr ganz verlassen)
Kommen wir nun zum historischen Beweis:
c) Der historische Beweis
Das eigentlich Problem in der Diskussion um die Beweisbarkeit von geistigen Dingen ist einmal die Überschätzung des physikalischen - aber auch die Unterschätzung des historischen (oder juristischen) Beweises. Dinge, die nur einmal passierten und nicht in einem Experiment nachgewiesen werden können, für die wir also nur Zeugen und "Zeugnisse" (in schriftlicher oder archäologischer Form), bezeichnen wir schnell als "unbewiesen".
Dabei ist auch die historische Wissenschaft - oder das Gerichtswesen - ein nach exakten Regeln arbeitendes System. Der Hinweis auf viele historische Irrtümer (und Fehlurteile in der Rechtssprechung) ändert daran genauso wenig wie der Vorwurf, die Physik sei kein exaktes System, weil dort ständig viele falsche Theorien aufgestellt wurden.
Bei der historischen und juristischen Wahrheitsfindung geht es im Grunde darum, nach der Glaubwürdigkeit eines Ereignisses und dessen Bezeugung zu fragen. Ist der geschilderte Sachverhalt wahrscheinlich, in sich schlüssig und hatte er Auswirkungen? Sind die Auswirkungen sichtbar, prüfbar und unverfälscht? Gibt es Zeugen für das Ereignis? Gibt es Gründe, die dafür sprechen, dass die Zeugen die Unwahrheit sagen?
Zum Beispiel wird ein junger Mann vor Gericht beschuldigt, zu einer bestimmten Zeit ein Verbrechen begangen zu haben. Er kann ein Alibi vorweisen: Er war zu fraglichen Zeit an einem anderen Ort. Nun, das ist eine Behauptung. Wie will er das beweisen? - Zum Beispiel durch Zeugen, durch Videoaufnahmen oder durch Fotos. Aber auch mit einem Video und einem Zeugen fragt sich der Richter: Woher weiß ich, dass der Zeuge nicht lügt und das Video echt ist? Letztlich können sämtliche Beweise arrangiert, die Zeugen bestochen und Indizien gefälscht sein. Wir kennen das aus guten Kriminal- oder Agentenfilmen oder Romanen.
Hat auch Brutus seinen Ziehvater Julius Caesar erstochen? - Auch hier gibt es keine Möglichkeit der experimentellen Überprüfung; die Geschichte ist einmalig und wiederholt sich nicht im Labor. Es bleibt also nur, nach schriftlichen Zeugnissen zu fragen (Augenzeugen sind in diesem Fall nicht zu erwarten) und - falls Zweifel aufkommen - nach Gründen für eine eventuelles Falschzeugnis (warum sollten Zeitzeugen Brutus in die Liste der Mörder aufnehmen, wenn er nicht dazu gehörte?)
Worum es letztlich geht, ist die Einschätzung eines Zusammenhanges (einer Theorie wie in den Naturwissenschaften) als plausibel; die Einschätzung eines Zeugen als "glaubwürdig" und eines Gegenstandes als «echt». Aber alles das sind Eigenschaften, die wir den Dingen zuerkennen - nichts, was wir experimentell feststellen können. Selbst, wenn wir naturwissenschaftliche Methoden hinzunehmen (wie z.B. DNA-Text, Infrarot-Aufnahmen vom Tatort oder Microfaseruntersuchungen) müssen die Erkenntnisse immer noch interpretiert werden; sie sind nur "Indizien", keine Beweise. Ein Beweis z.B. für das Alibi ist immer so aussagekräftig, wie wir glauben.
Dabei ist wichtig: Alle Zeugen genießen grundsätzlich einen Vertrauensvorschuss: Ein Zeuge muss seine Glaubwürdigkeit nicht beweisen. Im Gegenteil: Jemand, der seine Aussage anzweifelt, hat die Beweislast.
Und dennoch sprechen die Historiker von "gesicherten Erkenntnissen" und die Richter "von der erwiesenen Unschuld". Auch wenn sich diese Beweise auf einer anderen Ebene abspielen als die physikalischen oder mathematischen, so ist der Beweiskraft deswegen nicht geringer - nur die Methoden sind andere.