Solidus_Dave am 01.01.2006 13:23 schrieb:
Nun, z.B. bei einem Mordfall kennt man die Wahrheit auch nicht (bzw. wenn wir so anfangen, können wir eh gleich die Diskussion lassen, da wir gar nichts wissen oder Wahrheiten kennen, nicht einmal ob wir existieren), aber eine sehr sehr erdrückende Beweislast gegen eine Person macht es sehr viel wahrscheinlicher, dass er der Täter ist.
Diese Analogie ist nicht so sehr geeignet, den Wahrscheinlichkeitsbegriff in den Beobachtungswissenschaften zu erläutern, da kriminalistische Verfahren von denen der Physik (als Paradebeispiel einer Beobachtungswissenschaft) gänzlich verschieden sind. So ist die Theorie, dass der Gärtner der Mörder ist, experimentell nicht nachprüfbar; zumindest wüsste ich nicht, wie man das anstellen sollte
Ein anderer, weitaus gravierenderer Unterschied ist, dass in der Physik Aussagen gemacht werden, die von der Ursache auf die Wirkung schließen: „Wenn ich diesen Stein loslasse, dann wird er gemäß dem und dem Naturgesetz nach unten fallen.“ In der Kriminalistik hingegen wird oftmals von der Wirkung auf die Ursache geschlossen: „Hier im Beet sind Fußspuren, also muss hier jemand als Ursache langgegangen sein.“
Besser ist das klassische Beispiel: Alle Raben sind schwarz.
Angenommen, wir haben 10.000 Raben beobachtet, die ausnahmslos schwarz waren. Nun ist die Wahrscheinlichkeit, dass a l l e Raben schwarz sind, die zutreffenden 10.000 Fälle geteilt durch die möglichen Fälle. Die möglichen Fälle in unserem Beispiel sind dabei a l l e Raben in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft in a l l e n Welten des Universums; kurz: eine beinahe unendlich große Zahl. Teilen wir nun 10.000 durch beinahe unendlich, so ist das Ergebnis eine beinahe unendlich kleine Zahl; runden wir auf 0. Die Wahrscheinlichkeit also, dass alle Raben schwarz sind, ist null und dabei ist es egal, ob wir als Zähler 10.000, 100.000 oder 1.000.000.000 einsetzen. Das ist das Problem. (es gibt noch die Hardcorevariante, aber die ist arg kompliziert)
Die Wissenschaft hat aber inzwischen den Gott-O-Mat erfunden, der experimentell beweist, ob jemand Gott ist. :>
Axo, naja, mit diesen neueren Entwicklungen bin ich nicht so vertraut. Dann revidiere ich meine Aussage natürlich sofort
Ich bestreite nicht, dass auch die Wissenschaften auf Axiomen begründet (Sogar die Mathematik), aber in der Praxis werden neue Theorien sehr wohl so verfasst.
(Mathematik basiert so gut wie ausschließlich auf Axiomen (den Rechenregeln).)
Nunja, bei diesem Ist-so-ist-gar-nicht-so schenke ich gewissen Wissenschaftstheoretikern mit physikalischen Wurzeln, die hunderte Seiten an Beispielen nennen, die belegen, dass es nicht so ist, doch etwas mehr Glauben, als deinem kleinen Satz da oben^^
Btw: Der Typ, von dem die Forderung stammt, dass eine beobachtungswissenschaftliche Theorie mit angeben müsse, wie sie widerlegt werden kann (Karl Popper), hatte nicht die geringste Ahnung von Naturwissenschaft. Merkwürdige Ironie, oder?
Achja: Lakatos hat ein schönes Beispiel gegeben, wie eine Theorie anhand der Beobachtung „widerlegt“ wird. Das ging in etwa so: Denken wir uns irgend ein Gravitationsgesetz G, dass anhand der Bewegung eines Planeten P experimentell geprüft werden soll. Nun bewegt sich P nicht so, wie er soll (Newton und Merkur lassen grüßen). Ist G also widerlegt? Nö. Stattdessen wird behauptet, dass irgend eine andere, unentdeckte Masse (ein anderer Planet vielleicht) die Bewegung von P in Einklang mit G beeinflusst. Also wird für viel Geld ein neues Teleskop gebaut, um diese Annahme zu prüfen. Nun kann aber dieser andere Planet nicht gefunden werden. Ist G nun widerlegt? Nö. Wenn kein sichtbares Objekt auffindbar ist, dann sind vielleicht irgendwelche kosmischen Strahlen für die Beeinflussung der Bewegung von P verantwortlich. Wieder wird viel Geld ausgegeben, Messgeräte zu entwickeln, um diese kosmische zu entdecken. Leider ist diese Strahlung nicht auffindbar. Ist G jetzt endlich wiederlegt? Nö. Vielleicht ist ja auch..................blahblahblah...............
Diese Spielchen läuft jetzt noch ein Weilchen weiter, schluckt Geld, Arbeit und Ressourcen, bis Forscher und Forschungskommission übereinkommen, dass die Geschichte mittlerweile zu kostspielig geworden ist und einhelliger Meinung den Vorfall rasch unter den Tisch kehren.
Dieses Problem der sog. ad-hoc-Hypothesen, die sich formulieren lassen, um eine Theorie immer wieder vor der Widerlegung durch die Bobachtung zu retten, ist ein Problem, dass mit der bloßen Forderung, eine Theorie solle angeben, wie sie widerlegt werden kann, nicht gelöst werden kann. Hierzu bedarf es anderer Ansätze und die finden sich bei den von mir aufgezählten Wissenschaftstheoretikern.