Daß es vielleicht langfristig sogar besser sein könnte fällt Dir nicht ein ?
Können kann viel. Allein es fehlt der Glaube.
Die EU ist nicht reif. Dazu sind die wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und gesetzgeberischen Unterschiede und auch Mentalitäten innerhalb Europas zu groß.
Alles eine Frage der Alternative. Und wann genau ist die EU "reif"? Wie soll sie in einem Umfeld von Nationalstaaten und neoliberalem Kapitalismus jemals reif werden? Denkst du etwa, dass Kultur, Politik und Mentalitäten von alleine irgendwie zusammenwachsen in so einem Umfeld? Da sagt die Empirie was ganz anderes...
Die EU ist auch keine Utopie für die ferne Zukunft, sie ist ein reales Friedensprojekt mit einem konkreten Zweck. Sie hat Fehler, große sogar, aber sie hat uns in Europa auch über 60 Jahre lang stabilen Frieden geschenkt. Für fast alle ist das selbstverständlich heute, aber geschichtlich gesehen ist das fast eine Sensation. Es ist traurig, dass dieses Projekt so leichtfertig aufgegeben wird und dass seine politischen Erträge nicht gewürdigt werden. Immer geht es nur ums Geld in unserer kleingeistigen Krämermentalität. Aber das ist ein kapitaler Fehler. In Europa geht es um weit mehr als nur um den schnöden Mammon.
Der größte Kardinalsfehler war auch die massive Ost-Erweiterung,
Aha, und warum genau? Die Osterweiterung hat der EU natürlich Probleme beschert, aber Probleme gibt es immer. Woher weißt du denn so genau, wo diese Staaten heute ohne die EU stehen würden?
der Umgang mit den Befindlichkeiten Rußlands (bezüglich Staaten wie Polen, Ukraine)
Das stimmt, aber das ist keineswegs ein reines "EU-Problem". Federführend waren da z.B. auch die Nato, der die Briten immer noch gerne angehören...
daß ein Griechenland z.B. absolut nicht reif ist für die EU. Weil sie jahrzehntelange Korruption, Bilanzfälschung, unangemessene Renten, fehlende Arbeitsmoral etc. betrieben haben und sich daran bis heute nicht sehr viel geändert hat.
EU =|= Euro
Es hat sich übrigens schon was geändert: die beschriebenen Probleme mögen zwar weiterhin in irgendeiner Weise bestehen, aber zusätzlich hat man Griechenland jegliche Luft zum Atmen abgedreht durch falsche und egoistische Politik. Erst verkauft man seinem Partner günstige Waren und Kredite und dann blutet man ihn aus, wenn die Blase platzt. Sehr nobel, gerade von Deutschland, das selbst die Maastrichtregeln geändert hat, wie es gerade passt...
Auch nichts daran, daß z.B. die Flüchtlingspolitik nicht gemeinsam gelöst wird weil sich andere sperren,
Das ist in der Tat traurig, aber wie genau soll das Problem durch Nationalstaaten besser gelöst werden?
weil es per se nur 1,5 Geberstaaten in der gesamten EU gibt,
Die zufälligerweise auch die Staaten sind, die von der EU mit am meisten profitieren. Es kommt nicht nur darauf an, was der Staat offiziell direkt reinsteckt. Es kommt auch drauf an, was die Gesellschaft insgesamt zurückbekommt, materiell und immateriell. Und da gibt es momentan kaum einen größeren Profiteur als Deutschland...
weil Länder wie Luxemburg weiterhin ihren eigenen Stiefel machen (Förderung Steuerhinterziehung für Superreiche)
Und dieses Geschäftsmodell würden sie ohne die EU aufgeben?
Wir hatten über 40 Jahre lang eine EU (RGW), die vor die Wand gefahren wurde weil es eine Dauer-Transferunion war. Nichts anderes ist die EU.
Die EU wurde vor die Wand gefahren, weil sie - wie auch die nationalen Regierungen - von Technokraten gekapert wurde. Und nein, die EU ist vieles, aber keine Transferunion. Das ist einfach eine große Lüge. Zuallererst war die EU ein Friedensprojekt und das hat bisher auch ganz gut geklappt. In zweiter Instanz war die EU eine Wirtschaftsunion, die den Wohlstand in allen Mitgliedsländern mehren sollte und auch das hat man erst mal einigermaßen hinbekommen. In dritter Instanz war die EU eine Verheißung für Staaten, die wirtschaftlich und gesellschaftlich in Schwierigkeiten waren. Hier konnte und wollte die EU scheinbar nicht wirklich liefern, trotz ihrer Versprechungen. Denn mehr als um reale Annäherung ging es den alten Mitgliedern (und den Technokraten aus Wirtschaft und Politik) vor allem um neue Märkte und billige Arbeitskräfte. Sozialer Aufstieg und Finanzhilfe, ja gerne, aber nur nach den Regeln des neoliberalen Kapitalismus. Es war ein Kuhhandel, der seine guten Seiten hatte wie auch seine schlechten. Aber zu einer Transferunion hat es nie gereicht. Ja, es werden Mittel transferiert. Aber wie gesagt, diese Mittel dienen einem Zweck. Sie dienen der Erschließung von Märkten und Arbeit. Der Transfer geht somit in beide Richtungen. Was Europa bräuchte, wäre in der Tat ein Sozialpakt, eine Sozialunion. Menschen brauchen reale Hoffnung.
Solange hier keine grundlegende Änderungen im Grundkonzept vorgenommen werden ist diese EU genauso zum scheitern verurteilt.
Richtig. Mir ist nur schleierhaft, wie man ohne EU eine bessere EU machen sollte. Es hat den zweiten Weltkrieg und die völlige Zerstörung von Zentraleuropa bedurft, um überhaupt so weit zu kommen. Soll erst WW3 kommen, bevor wir eine bessere EU machen oder versuchen wir stattdessen nicht doch lieber, das System von innen zu ändern, durch Aufklärung, durch Rationalität, durch Überzeugung?
Auch ist Dummheit eine Ansichtssache, oder nicht?
Als Dummheit wird ja grösstenteils etwas bezeichnet, womit man selber nicht einverstanden ist (oder nicht versteht).
Dummheit ist in diesem Kontext zunächst einmal ein Umstand, der dann eintritt, wenn man für eine Entscheidung zu wenig weiß bzw. die Fakten nicht richtig einordnen kann.
Ich wäre mit dem Begriff aber auch vorsichtig, weil er bei Anwendung auf eine große Personengruppe nicht ausreichend differenziert. Es gibt sicherlich viele nicht ausreichend informierte Wähler bzw. Wähler, die nicht aus rationalen Gesichtspunkten heraus entscheiden. Dann gibt es Wähler, die trotz guter Informationslage vielleicht einfach andere Schwerpunkte setzen. Und dann gibt es Wähler, die schlicht unmoralisch oder egoistisch sind.
Was jedoch (auf empirischer Basis) leider die meisten Menschen eint, ist die Unfähigkeit, die Fehler und Lügen des neoliberalen Kapitalismus zu durchschauen und entsprechend zu entscheiden. Aber auch hier würde ich nicht unbedingt den Begriff dumm verwenden, sondern eher den Begriff indoktriniert. Vielen fehlt es heute schlicht an "Sprache", um komplexe Probleme angemessen beurteilen zu können, weil jegliche abweichende Meinung unterdrückt oder diskreditiert wird.