Klar sind Meinungen subjektiv und Bewertungen immer ein bisschen gefärbt. Es ist auch ok wenn ein Redakteur ein anderes Fazit zieht als man selber.
Allerdings gibt ein bewertendes Medium dem Konsumenten auch Empfehlungen: Dieses Produkt ist gut / gut wenn man xy (Struktur/Alternativprodukt/Besonderheiten hier einsetzen) mag / weniger gut oder eben auch schlecht. Der Leser muss sich auf eine Bewertung verlassen können da er sonst etwas kauft, was er eigentlich nicht haben will oder Produkte verpasst die ihm zugesagt hätten.
Für eine solide Berichterstattung gehört also auch ein gewisser Abstand: Ein professionelle Blick von Außen, bei dem mit möglichst objektiven Kriterien und Erfahrungen das Produkt eingeschätzt und bewerten wird. Ein guter Redakteur vermag auch einen guten Horrorfilm als solchen zu deklarieren wenn er selber solche Filme eigentlich nicht mag. Auch muss im guten Journalismus am Ende eine Empfehlung ausgesprochen werden, die das Produkt für den Konsumenten am besten beschreibt.
Der Redakteur muss ergo bemüht sein eine Bewertung zu finden, die dem durchschnittlichen Konsumenten weiterhilft. Falls ich eine rein persönliche Meinung vorziehe kann ich auch eine der diversen User-Wertungen bei Amazon oder Metacritic angucken.
Mal abseits von der Diskussion, ab welcher groben Note ein Spiel als "gut" zu bezeichnen ist, haben wir da alle ungefähr den gleichen Riecher. Grob ist es die folgende:
Über 90%: Pflichtkauf!
über 85: Kaufen!
80-85: leider nicht ganz das was es hätte werden können aber kauft es euch vielleicht trotzdem
75-80: leider verfehlt. Nischenprodukt für Genrefreunde
70-75: Nischenprodukt mit Mängeln
unter 70: nicht kaufen.
Grob +-5% ist das so die Bewertungsskala die ich stets, seit ich Magazine von Computec lese, so empfunden habe und sich prima mit meinen eigenen Erfahrungen deckten. Wohlgemerkt lese ich Computec-Magazine seit 1996 (regelmäßig seit '9

- erst PCA und mit deren Niveauverlagerung dann später die PCG.
Wie gesagt ist jede Bewertung - ob der Redakteur will oder nicht - immer ein bisschen gefärbt. Der Meinungskasten gibt dann die wichtige Plattform um diesem Ausdruck zu verleihen und hilft dem Leser die vergebene Wertung für sich selbst zu übertragen. Falls ein Punkt dem Redakteur besonders negativ aufgefallen ist, das einem selber aber weniger wichtig ist, kann man für sich selber die Wertung also etwas anheben. Zusätzlich kann man über die Jahre die Redakteure auch einschätzen. So wusste ich irgendwann, dass wenn ein Harald Fränkel ein 'kaufen' gibt, ich auch bedenkenlos zugreifen kann. Nicht zuletzt durch den Podcast kann man fortwährend sich ein Bild von den Meinungen und Präferenzen der einzelnen Redakteure machen. Felix geht so z.B. gern auf Spielmechaniken ein und wie - respektive ob - die funktionieren.
Nun hat ACU eine 64% von der PCG bekommen (durch Peter aber nichtsdestotrotz im Auftrag und somit von der PC Games offiziell ). Bei dieser Wertung habe ich noch nie - in den ganzen 18 Jahren - ein Spiel gespielt, dass mir Spaß gemacht hätte. Hin und wieder kauft man das Spiel dennoch weil man ein Freund des Genres ist und die Vorberichte doch so verheißungsvoll waren. Stets wurde ich eines besseren belernt - hätte ich mal auf die PCG Wertung 'gehört'. Vielleicht hatte ich mehr Spaß als die Wertung vermuten ließ (persönliche Präferenz), aber es war nie wirklich gut.
Trotz meinen Erfahrungen habe ich mir ACU gekauft und habe es gespielt. Mittlerweile habe ich knapp 16 Stunden mit dem Spiel verbracht und hatte mehr Spaß als ich es bei der Wertung je erwartet hatte. Deutlich mehr noch: Ich halte es für eins der gelungensten Teile der Reihe. Ich kann wichtige Punkte von dem Test nicht nachvollziehen. Zum ersten Mal habe ich nun nicht nur eine kleine Diskrepanz zwischen einer PCG Empfehlung und meiner eigenen Erfahrung (erklärbar durch persönliche Präferenz) sondern ein massivst unterschiedliches Spielspaßerlebnis.
Nun, ich mag vielleicht sehr viel Glück gehabt haben, dass ich weder große Performanceschwierigkeiten noch Glitches hatte. Dann muss wiederum die Frage erlaubt sein wie stark solche Punkte gewertet werden. Hatte der Redakteur Pech mit seiner Rechnerkonfiguration während ich Glück hatte? Vielleicht. Was wäre gewesen, hätte die PCG das Spiel auf "meinem PC" getestet? Wäre dann eine bessere Wertung dabei heraus gekommen? Darf ein solcher zufälliger Wert dann überhaupt mit einfließen oder muss ein professioneller Begutachter dies trennen können?
Die technische Seite hat die PCG seit der Einführung der PCGH kontinuierlich immer weniger beleuchtet. Wo früher fast eine ganze Seite für die Performance auf unterschiedliche PC-Konfigurationen investiert wurde, sind heute auf vielleicht 3 cm² grob die nötigsten Anforderungen gequetscht. Vielleicht sollte deutlicher darauf eingegangen werden auf welchem System ein Spiel getestet wurde und ob auch andere Konfigurationen getestet wurden.
tl;dr
Unterschiede in persönlichen Meinungen sind ok; massiv unterschiedliche Spielerfahrungen führen aber dazu, dass die Aussage des Redakteurs nicht mehr als Kaufentscheidung eines Spiels gewertet werden kann. Extreme (vielleicht Frust-) Wertungen führen die PCG als Kaufentscheidungsmedium ad absurdum. Ich hätte ein buchstäblich "sehr gutes" Spiel verpasst, hätte ich auf die Wertung gehört. Wie kann ich also noch Vertrauen in künftige Wertungen haben?
Noch ein kleiner Zusatz:
Ich bin mir dem öffentlichen Druck bewusst, der auf den Redakteuren lastet. Es ist schon als Unbeteiligter sehr lästig zu lesen, wie User gegen die Redakteure geradezu Sturm laufen. Anschuldigungen wie der Sprichwörtliche Geldkoffer und Inkompetenz werden mittlerweile inflationär abgefeuert. Und natürlich ist dieser Druck geringer, wenn die Wertung ungewöhnlich negativ ausfällt. Viele User sind froh, dass ein CoD mal abgewatscht wird. Bei ACU war die öffentliche Meinung schnell enorm negativ. Öl wird in Form von sich gut verkaufenden weiteren Kurzmeldungen dazu gekippt. Und gerade die negativen Meldungen werden besser 'geklickt' als positive. Erst recht wenn der "Wutbürger" sich bestärkt sieht...