aph am 15.03.2006 09:49 schrieb:
Das schon mal gar nicht. Sie hat viele erste und noch viel mehr letzte Glieder, wie crackajack schon korrekt anmerkte -> sie ist ein Kausalkettennetz mit vielen noch unvernetzten Lücken.
Wir reden hier aber nicht über Kausalnetze mit vielen ersten und letzten Gliedern, sondern über eine Kausalkette – ansonsten würde ich mich wundern, warum du ständig nach
der ersten Ursache fragst.
Gerade die Frage: "Werden wir wirklich jemals eine erste Ursache eintragen?" kann logisch mit Nein beantwortet werden. Die erste Ursache ist dadurch qualifiziert, dass danach keine weitere Ursache mehr eingetragen werden KANN, die noch vor ihr steht. Wenn aber die Möglichkeit besteht, weitere Einträge zu machen, dann wird dieses KANN potentiell bejaht und damit die bisherige erste Ursache disqualifiziert. Erst wenn wir wissen: "Ok, diese Ursache hier, die ist die erste, da kann keine weitere kommen." <- dann haben wir sie gefunden.
Ein fraglos interessantes Argument, aber leider mit einer Schwäche. Da dein Argument allerdings zwei Lesarten erlaubt und eine Prämisse fehlt, habe ich mir erlaubt, beide Lesarten des Schlusses in vollständiger Form hinzuschreiben (wenn ich etwas falsch verstanden habe, weise mich bitte darauf hin):
Lesart 1:
P1: Wenn
die erste, ursachenlose Ursache existiert, dann gibt es eine Ursache, bei der es nicht möglich ist, dass sie eine Ursache hat. (Wenn p, dann q)
P2: Für jede Ursache gilt: Es ist möglich, dass vor ihr eine weitere Ursache existieren kann. (Nun nicht q)
K1: Also ist es nicht der Fall, dass
die erste, ursachenlose Ursache existiert. (Also nicht p)
Der Einwand gegen diese Lesart des Argumentes ist, dass P2 nicht begründet worden ist. Woher wissen wir, dass bei jeder Ursache die Möglichkeit besteht, dass sie eine Ursache hat? Wir können hier mit P1 feststellen: Wenn
die erste, ursachenlose Ursache existiert, dann gibt es eine Ursache, bei der es nicht möglich ist, dass sie eine Ursache hat. D.h.: Es ist möglich, dass P2 falsch ist (eben dann, wenn
die erste, ursachenlose Ursache existiert). Daraus aber folgt: Es ist möglich, dass K1 wahr ist; ausgeschrieben: Es ist möglich, dass es nicht der Fall ist, dass
die erste, ursachenlose Ursache existiert. Die Evidez von K1 ist damit widerlegt.
Lesart 2:
P1b: Wenn
der erste Eintrag in unserem Buch existiert, dann gibt es einen Eintrag in unserem Buch, bei dem es nicht möglich ist, dass davor ein anderer steht.
P2b: Für jeden Eintrag in unserem Buch gilt: Es ist möglich, dass vor ihm ein weiterer Eintrag steht.
K1b: Also ist es nicht der Fall, dass
der erste Eintrag in unserem Buch existiert.
Der Einwand hiergegen ist im Grunde derselbe, wie gegen Lesart 1. Da es allerdings ziemlich bescheuert klingt, zu sagen, es sei möglich, dass ein Eintrag existiere, vor den kein weiterer geschrieben werden könne, kurz einige Erläuterungen zum Begriff „Möglichkeit“:
Seit Saul A. Kripke spricht man in der Modallogik (die Logik von Möglichkeit und Notwendigkeit) von
möglichen Welten. Ganz pauschal (und genau genommen auch nicht ganz richtig*) kann man sagen, dass in allen diesen möglichen Welten die Gesetze der Logik gelten. Inhaltlich jedoch können diese möglichen Welten völlig verschieden sein: in der einen gibt es benzintankende Fische, in der anderen fliegende Fahrräder usw. Wenn man nun die Frage stellt, ob es möglich sei, dass es grüne Schwäne gäbe, dann stellt man im Grunde die Frage, ob es eine mögliche Welt gäbe, in der grüne Schwäne existieren. Da es so eine mögliche Welt mit grünen Schwänen gibt, muss die Frage mit „ja“ beantwortet werden.
Wie sieht das nun aber mit Einträgen aus, vor die kein weiterer Eintrag geschrieben werden kann? Auch für diese gibt es eine mögliche Welt; die Gründe, warum in diesen Welten vor die fraglichen Einträge keine weiteren geschrieben werden können, kann man sich aus den Fingerspitzen saugen. Wir können daher sagen: Ja, es ist möglich, dass es Einträge in unserem Buch gibt, vor die kein weiterer geschrieben werden kann.
*Tatsächlich ist die Beziehung, die zwischen Welten besteht, die füreinander mögliche Welten sind, eine unbenannte zweistellige Relation R, die reflexiv, symmetrisch und transitiv ist. Aber ich glaube, ich brauche hier nicht mehr weiterzuschreiben
Die Wirklichkeit der Unendlichkeit der Zeit und der Menschheit können wir nicht ableiten. Ihre Möglichkeit jedoch verhindert, eine bestimmte Ursache als erste auszuzeichnen. Haben wir es jetzt?
Wie dargelegt, leider nicht. Es ist lediglich
möglich, dass es
die erste, ursachenlose Ursache nicht gibt.