AW: AW
Boesor am 09.09.2008 11:28 schrieb:
Mag ja sein, dass dich das zum Nachdenken anregt, darauf konzipiert ist es bestimmt nicht und dementsprechend wenige werden auch drüber nachdenken.
Den Punkt bezogen auf das "Nachdenken" halte ich eigentlich für absolut abwegig. Ich spiele seit 1997 Ego-Shooter, doch kein einziges Konzept regte auch nur im Ansatz zum Nachdenken an, oder demonstrierte die Schattenseiten von Krieg und Gewalt. Gegenteiliges zu behaupten, ist imho so ein verträumter Punkt, der quasi als letzte Möglichkeit genannt wird, um sich das virtuelle (oftmals eben brutale) Treiben irgendwie schönzureden.
Jetzt mal ganz ehrlich: Wer hat bei Kingpin etwas empfunden? Ich habe die Gegner in Stücke geschlagen, in die Luft gesprengt und fand es als Teenie richtig toll. Ich dürfte mir das Spiel damals nicht kaufen, aber dank Freunden konnte ich es trotzdem spielen (bzw. dank deren Eltern, denen Jugendschutz egal war). Dann SoF. Wer bitte denkt bei diesem Spiel, dass es abschreckend oder erzieherisch wirken könnte? Das ist nicht mehr als ein Gewaltporno mit aufgesetzter Geschichte. "Hey, wetten dass ich der Spielfigur beide Beine abschießen kann, bevor der blutige Torso auf den Boden klatsch?". Im zweiten Teil lief es ähnlich ab. Man freute sich primär über die Möglichkeit, dass man Köpfe in mehreren Stufen zerschießen konnte, und Gegner im MG-Feuer zappelten, bis endlich die Bauchdecke platze, oder eine Extremität durch die Gegend flog. Wer dachte bei Quake 2 an die armen Strogg? Es ging darum, möglichst schnell mit möglichst lustigen Waffen möglichst viel Fleischsalat zu produzieren. Oder Shellshock'Nam. Der Werbefeldzug definierte das Spiel als "harten und geschichtlich akkuraten Shooter. In lustiger Runde haben wir aber Nutten und Zivilisten möglichst brutal vernichtet. Warum? Weil das Spiel die Möglichkeit gab, weil es "lustiger" war als die eigentliche (belanglose) Handlung. Oder Manhunt (was selbst mir dann eine Nummer zu krank war). "Geil, der erstickt ja richtig in der Plastiktüte...".
Die ganzen WW2-Shooter leisten ebenfalls keine Aufklärungsarbeit, sondern vermitteln ein atmosphärisch dichtes und relativ unterhaltsames Bild des WW2. Zumindest bei mir kam da nicht einmal der Ansatz von Nachdenklichkeit auf. "Wow, mit einem MP40-Magazin 7 Krauts erschossen...".
Abschließend natürlich die lustigen Postal2-Momente auf LAN-Feiern. "Ey, guck mal! Ich habe die Puss* angezündet, und p*sse die nun trocken!", "Muhaha, man kann den Cops mit der Schaufel die Rübe abschlagen", "Wirf den Kuhkopf mal in die Gruppe von Mönchen rein!".
Meine Meinung: Jeder der die gängigen Gore-Shooter mit "noblen" Aspekten wie Aufklärung, Abschreckung oder Erziehung in Verbindung bringt, der lügt sich vorzüglich etwas vor. Es sind eben oftmals inhaltlich lächerliche Gewaltpornos ohne Anspruch oder Handlungen, die dieses Treiben halbwegs rechtfertigen könnten. Rückblickend waren meine Jugenderfahrungen wohl nun auch ausschlaggebend dafür, dass mich Spiele wie GoW2, Far Cry 2 und Co nicht mehr interessieren - ich die gar im Detail für gestört halte. Das ist für mich keine Unterhaltung mehr, sondern eher eine akut makabere Freizeitbeschäftigung. BiA3 reiht sich aufgrund der neuen "Features" leider auch brav ein.
Also, bringt mir mal bitte ein nachvollziehbares Beispiel, wo ein (überaus brutaler) Shooter zum Nachdenken angeregt hat? Postal 2 zeigt sicherlich gesellschaftliche Probleme auf, doch nach dem ersten Zock und der Sichtung aller satirischen Spitzen, metzelt man sich dennoch durch die Gegend, weil das Spiel einfach nichts anderes mehr zu bieten hat. Max Payne könnte man noch andichten, dass Rache nicht gut ist, und man so keinen Seelenfrieden erhalten kann - dumm nur, dass Payne am Ende sinngemäß sagt, dass es eine gute Sache war, und er dem Himmel nun ein Stück näher ist.
Wo liegt in brutalen Titeln also eine Funktion? Eine sinnige Funktion?
Regards, eX!