Nochmal zu dem Spiegelartikel:
2. Fehlende moralische Rechtfertigung für das Töten von Menschen
Es gibt aber auch Videospiele, in denen man Menschen tötet und die trotzdem nicht verboten sind. Das Kriegsspiel "Call Of Duty" beispielsweise. Im Unterschied zu "Manhunt 2" - und auch schon seinem Vorgänger "Manhunt" - tötet der Spieler in den allermeisten dieser Spiele jedoch die "Bösen", sprich: diejenigen, die gesellschaftlich als moralisch verwerflich angesehen und damit zu einem gewissen Grad entmenschlicht werden.
Ich spiele das garantiert nicht um den Bösen/ das Böse zu töten, sondern einfach weil ich auf der einen Seite stehe und das Missionsziel es erfordert das ich Deutsche töte, sofern ich eben überleben und siegen möchte.
In "Call Of Duty" spielt man zum Beispiel einen Soldaten der Alliierten, der Nazis regelrecht abschießt. Wäre das umgekehrt, wäre das Spiel vermutlich ebenso verboten wie "Manhunt".
Das glaube ich sogar das das Spielen der deutschen Seite hierzulande möglicherweise verboten wäre. Aber genau weil Hakenkreuze in Deutschland verboten sind, spielt man ja gerade
nicht gegen böse Nazis, sondern gegen "unschuldige" deutsche Soldaten.
Außerdem gefällt mir die Darstellung das alle deutsche Soldaten automatisch böse Nazis waren und die alliierten Soldaten Engel oder sowas in der Art darstellen sollen überhaupt nicht.
Man könnte also argumentieren, dass solcherlei moralische Rechtfertigungen für das virtuelle Töten vornehmlich dazu dienen, die eigene Lust am Sadismus zu kaschieren. Man spielt Spiele wie "Call Of Duty" oder "Godfather" sicherlich mehr aus der Lust am Überschreiten von Grenzen als aus der Motivation heraus, das Böse zu vernichten.
Also das Überschreiten von irgendwelchen Grenzen ist mir garantiert egal. Ich spiele das wie gesagt einfach nur des Spielziels wegen.
Ebenso, wie man einen Boxkampf weniger aus Interesse an der sportlichen Leistung guckt, als aus der Lust an wetteifernder Gewalt.
Ebenso wie "ödes" Imkreisfahren (z.b. bei Nascar) nur wegen den Crashs geschaut wird?!? Imo Unfug, beim Boxen ist sicher die wetteifernde Gewalt in gewissen Maße faszinierend und zugleich abstoßend, aber letztendlich will man doch einen Gewinner sehen? Am Liebsten halt den von einem selber favorisierten.
Wäre mir auch neu das Ali, Foreman, Tyson usw. wegen ihrer Brutalität gelobt wurden, sondern höchstens wegen ihrer schnellen KOs (die dann sicher vorhergehend eine gewisse Brutalität erforderten) oder ähnlichem. Der sportliche Erfolg überwiegt doch?
Das was Manhunt so abschreckend macht ist ja wohl die Konzentration der Brutalität über lange Zeit. Wer das nur bei irgendwelchen Levelgegnern nötig- jeder hätte halt eine ganz besondere eigene Tötungsvariante, die man nur bei dem ausführt- und der Rest wäre shooter, wäre es vielleicht auch kein Problem mehr.
Fakt ist: In "Manhunt 1" fehlt diese moralische Rechtfertigung für die eigene Lust am Sadismus. Die moralische Struktur der Geschichte gibt dem Spieler keine gesellschaftlich geduldete Rechtfertigung zum Anwenden von Gewalt. Im ersten Teil übernimmt der Spieler die Rolle eines Ex-Knackis, der sich an seine Opfer heranschleicht und sie unter anderem mit der Plastiktüte erdrosselt. Im zweiten Teil spielt man, so weit bekannt, einen Wahnsinnigen, der aus einer psychiatrischen Anstalt ausbricht.
Und hier beschleicht mich das Gefühl das der Schreiber noch weniger Ahnung von Manhunt hat als ich.
Alles was ich von den Storys gelesen habe rechtfertigt imo schon das drauffolgende prinzipielle Handeln des Knackis/ Wahnsinnigen.
Der Knacki ist ja nicht freiwillig auf einen Deal eingegangen, sodass er seiner Todesstrafe entgeht, wenn er möglichst alle im vorgeworfenen Typen kaltmachen würde, er wurde einfach, ohne gefragt zu werden, offiziell hingerichtet und landet in einer Art Arena eines perversen Fernsehfritzen. Und da wird er dann "in Notwehr handelnd" ein brutaler Mörder. Lediglich die obszöne Brutalität, die einfach nur mehr ein Zelebrieren des Tötungsaktes darstellt ist moralisch angreifbar.
Um Punkt 3 des Spiegelartikel auch noch zu behandeln: "3. Fehlende ironische Brechung"
Vielleicht ist genau das der missverstandene Punkt. z.B. der Film Funny Games zeigt Gewalt ohne allzu viel davon zu zeigen und das auf boshafteste frustrierende Weise. Bei dem Film ist aber ganz klar wer der Böse ist. (genauso bei Hostel, oder Saw mit denen halt immer verglichen wird) Nur was wenn man in so einen Mördercharakter reinschlüpft, der als er gezwungen wird zu morden eben nach seiner Art das zu tun handelt? Kann man das dann nicht genauso sehen?
Manhunt erreicht sicher nicht den gehobenen Anspruch von Funny Games, aber Saw oder eher noch Hostel haben wohl genauso niedere Daseinsberechtigung.
Ist Manhunt nicht doch eine etwas unglückliche Studie über TV-Voyeurrismus und menschlicher Brutalität in ev. unausreichend erzählter Form? Vielleicht müsste man es ja nur mehr in Richtung eines Adventures umwandeln, mehr Geschichte einfügen, mehr Monologe, weniger Fließbandtöten (falls das überhaupt der Fall ist)- also mehr zu einem Katz- und Mausspiel verarbeiten, bei dem der Sadismus des Fernsehfritzen in anfeuernden Lautsprecheransagen (oder bei Teil 2 eben per Monolog mit dem wahnsinnigen Ich) tragendere Rollen übernehmen und die pure irre Gewalt nur schubweise reingestreut wird. Und schon könnte man die beabsichtigte Kunst dahinter verstehen?
Vielleicht hat es Rockstar aber wirklich einfach nur darauf angelegt Tabus zu brechen ohne größerem Hintergedanken und um ihre "kranke" Fantasie ein Gerüst gebastelt.....
Der einzige greifbare Unterschied zu Filmen ist und bleibt nunmal die aktive Beteiligung am Geschehen: das Selberausleben/ Füttern der niederen Instinkte und nicht einfach mit Gewalt "berieselt" werden.
Filme (Dramen!) über Vergewaltigung können gemacht werden, da man immer noch einen distanzierten Blick auf die Charaktere werfen kann und den Guten vom Bösen trennen kann, aber wenn man selber in die Rolle des Bösen schlüpfen darf und dabei eben Menschenleben verachtende Taten vollführen soll wird es halt kritisch/ unethisch?