Die meisten dürften - ob zu Recht oder zu Unrecht, will ich gar nicht beurteilen - nach wie vor der Meinung sein, dass Computerspiele einer Objektivierung zumindest ein Stück weit zugänglicher sind als eine Musik-CD oder ein Gemälde. Genau deshalb ist Vergleichbarkeit etwas, dass in diesem Kontext durchaus auch vom Konsumenten gefordert und erwartet wird.
Seltsam, dass dann 80% und mehr aller Videospielpublikationen mittlerweile auf 10er oder 5er Maßstäbe setzen oder gleich ganz auf Maßstäbe verzichten. Wie gesagt, fast nur bei den reinen PC-Publikationen wird daran noch teilweise wie verbissen festgehalten. Und nein, Videospiele sind objektiv nicht zu erfassen. Das ist einer der ganz großen konzeptionellen Fehler bei Videospielreviews. Es ist durchaus möglich, dass jemand informierter oder erfahrener ist, aber das ändert nichts an der Subjektivität des Testgegenstandes. Ein Review ist dann gut, wenn es auf den Punkt bringen kann, warum der jeweilige Reviewer so denkt wie, er denkt. Und ein Score ist dann gerechtfertigt, wenn er das in einem bestimmten Maßstab treffend abstrahiert. Vergleichbarkeit hat hier überhaupt nichts verloren. Und wenn bestimmte Leute Reviews dazu missbrauchen wollen, ist das ihre Sache. Das heißt noch lange nicht, dass man diesem Wunsch entsprechen sollte oder diesen Wunsch unterstützen sollte.
Und wenn man zum Ausdruck bringen möchte, dass man - ganz persönlich und subjektiv und aus dem Bauch heraus - einen 8er-Titel noch ein Fitzelchen besser findet als einen anderen 8er-Titel, dann gibt man eben dem einen eine 82 und dem anderen eine 83 oder 84. So lange ein Reviewer ein konsistentes Bild von seiner ganz persönlichen Wertungslandschaft hat, sehe ich da überhaupt kein Problem.
Das ist ja gerade das Problem. Wenn der Reviewer das tut, dann bewertet er das Spiel nicht für sich selbst, sondern er ordnet das Spiel ein, vergleicht, eben was er gerade nicht tun sollte. Unter ganz bestimmten Gegebenheit mag das sinnvoll erscheinen, z.B. bei Sequels mit demselben Fokus wie der Vorgänger. In den allermeisten Fällen hingegen vergleicht man Äpfel mit Orangen und dementsprechend sind dann die Review-Scores. Sie geben weniger Aufschluss darüber, ob das Spiel jetzt tatsächlich seiner selbst wegen interessant ist, sondern eher darüber, ob das Spiel jetzt interessanter ist als Spiel X oder Spiel Y. Das finde ich übrigens auch für den Reviewer selbst höchst unangenehm und das Problem wird mit der Zeit immer größer, weil daraus irgendwann ein riesiges System an Pseudo-Vergleichbarkeit entsteht, in das der Reviewer das neue Spiel dann irgendwie einordnen muss ala "Spiel X ist ein bisschen besser als Spiel Z, aber nicht ganz so gut wie Spiel Y, in etwa gleich gut wie Spiel W aber wiederum schlechter als Spiel V und Spiel T usw usw usw". Damit ist niemandem geholfen, zumindest denen nicht, die einfach wissen wollen, wie das Spiel dem Reviewer jetzt gefallen hat, ganz für sich selbst genommen. Eine solche Wertung hilft vor allem denen, die damit eine Grundlage für ewige Diskussionen im Netz haben, aber eigentlich wenig Interesse am Spiel selbst. Sprich: man spricht die falsche Zielkundschaft an und das systematisch. Alle Publikationen, die deshalb auf eine einfach, grobe Skala setzen oder ganz auf Wertungen verzichten, haben das erkannt. Sie besprechen schlicht ein Spiel für sich selbst und geben eine grobe Richtungsangabe ab, wie ihnen das Spiel jetzt insgesamt gefallen hat. Es wird dadurch keine obskure Datenbank von Spielen erstellt, die sich im einstelligen Kommabereich voneiander unterscheiden, ohne je konkret vergleichbar zu sein.
Es steht doch jedem, dem das zu kleingeistig erscheint, vollkommen frei, solche Wertungen selber auf- oder abzurunden. Ehrlich, wer in der Lage ist, Wertungsphilosophien zu verstehen und abweichende Meinungen zu akzeptieren, dem kann die Skala vollkommen egal sein.
Das ist völlig richtig für den konkreten Einzelfall. Ich bespreche hier aber keinen Einzelfall oder wie ich persönlich damit handhabe, sondern die Wertungsphilosophie per se -und die ist imo schlicht falsch. Und sorry, aber ein Totschlagargument ala "Dann beachte es einfach nicht." ist selten hilfreich in solch einer Diskussion. Das würgt die Diskussion einfach ab, ohne ihr irgendwas hinzufügen. Wenn man die Wertung nicht beachten soll, kann man sie ja auch gleich ganz weglassen. Das ist aber nicht der Punkt. Es geht darum, was die Wertung konkret aussagt und welche Wirkung sie erzeugt. Es ist also ein strukturelles Problem, kein persönliches.
Wem Subjektivität tatsächlich über alles geht, der kann Skalen nur generell und von Grund auf ablehnen: Eine 10er-Skala ist kein Stück "sinnvoller" oder "subjektiver" als eine 100er-Skala; sie ist einfach nur gröber, sonst nichts.
Ich persönlich lehne Skalen auch ab. Allerdings entspricht eine sehr grobe Skala der Sache noch weitaus mehr als eine feine Skala. Denn es geht sehr wohl darum, welchen Eindruck eine Bewertung erweckt. Eine grobe Einordnung drückt Subjektivität aus, die nicht zur Vergleichbarkeit ausreicht. Es ist schwer, Spiele auf Grundlage eines Sytems zu vergleichen, das nur 5 Stufen kennt. Solche Diskussionen ala "Warum hat Spiel X jetzt nur 79% aber keine 81%?" fallen dann völlig zu recht weg. Eine feine Gliederung hingegen lädt geradezu zum Vergleichen und zu endlosen Diskussion ein, ohne der Sache an sich besser gerecht zu werden. Man muss bei seinen Publikationen auch immer die diffuse Wirkung mit einberechnen, nicht nur das eigene Ziel.