Das ist ja gerade das Problem. Wenn der Reviewer das tut, dann bewertet er das Spiel nicht für sich selbst, sondern er ordnet das Spiel ein, vergleicht, eben was er gerade nicht tun sollte.
Warum sollte er das denn bitte nicht tun? Wann immer Du etwas bewertest oder besprichst, geschieht das zwangsläufig vor einem Erfahrungshintergrund, der automatisch auch Vergleiche mit sich bringt, ob nun bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit. Du bist doch derjenige, dem Subjektivität so wichtig ist. Wenn nun jemand ganz subjektiv zum Ausdruck bringen möchte, dass er sowohl GTA 3 als auch Mafia für hervorragende Spiele gehalten hat, dann gibt er beiden 9 von 10 Punkten. Wenn er darüber hinaus zum Ausdruck bringen möchte, dass ihm persönlich Mafia etwas besser gefallen hat, weil es die dichtere Atmosphäre hat, dann gibt er halt Mafia 92 und GTA 3 88 von 100 Punkten. Das ist doch genau dasselbe in Grün, nur eben etwas differenzierter.
Stell Dir doch einfach mal vor, Du solltest jemandem eine Liste Deiner 50 All-Time-Favorite-Spiele machen. Bewertungsmäßig würdest Du vielleicht, Deinen persönlichen Spielspaß zugrunde legend, 30 dieser 50 Titel mit 9 von 10 Punkten bewerten, aber dennoch gibt es auch innerhalb dieser 30 Titel welche, die Dir geringfügig mehr oder weniger Spaß gemacht haben als andere. Dann ist eine weitere Differenzierung in Form eines 100er-Systems nun mal die einzige Möglichkeit, das in Zahlen auszudrücken. Und so lange diese weitere Differenzierung auch genau Dein persönliches Empfinden widerspiegelt, ist dagegen doch überhaupt nichts zu sagen.
Sie geben weniger Aufschluss darüber, ob das Spiel jetzt tatsächlich seiner selbst wegen interessant ist, sondern eher darüber, ob das Spiel jetzt interessanter ist als Spiel X oder Spiel Y. ... Damit ist niemandem geholfen, zumindest denen nicht, die einfach wissen wollen, wie das Spiel dem Reviewer jetzt gefallen hat, ganz für sich selbst genommen.
Sorry, ich verstehe Dein Problem nach wie vor nicht. Wenn jemand einem Spiel eine 87/100 gibt und ein anderer gibt 9/10, dann sehe ich da keinen großen Unterschied hinsichtlich des Informationswerts "wie das Spiel dem Reviewer jetzt gefallen hat, ganz für sich selbst genommen". Die 9 ist einfach nur gröber als die 87, aber deswegen bewertet sie das Spiel doch nicht automatisch mehr oder weniger "für sich selbst genommen" als die 87. Der eigentliche Vorwurf der hier dahinter steckt ist doch nur der, dass man dem Reviewer nicht zutraut, über eine konsistente mentale Karte zu verfügen, auf der auch die Punktezahlen 85 und 86 und 88 und 89 durch ganz konkrete Spiele mit einem ganz konkreten Spielspaß verankert sind, aber das ist doch erst mal pure Unterstellung. Wenn man schon eine Zahlenwertung als ganz individuelle und subjektive Spielspaßwertung versteht, mit dem Verständnis, dass eine 88 von Reviewer A nicht vergleichbar ist mit einer 88 von Reviewer B, warum sollte man dann einem Reviewer nicht auch zutrauen, zwischen einen Spielspaß von 85, 88 und 91 differenzieren zu können - gerade, wenn er seit Jahrzehnten spielt und sich bereits mit aberhunderten von Titeln beschäftigt hat?
Eine grobe Einordnung drückt Subjektivität aus, die nicht zur Vergleichbarkeit ausreicht. Es ist schwer, Spiele auf Grundlage eines Sytems zu vergleichen, das nur 5 Stufen kennt.
Subjektivität und Differenziertheit einer Meinung oder einer Bewertung sind doch zunächst einmal zwei völlig unterschiedliche Dinge. Eine Bewertung kann extrem subjektiv, aber zugleich - insbesondere im direkten Vergleich mit anderen Bewertungen derselben Person - dennoch sehr differenziert sein. Wer seine eigene Meinung sehr differenziert darstellen möchte, braucht dafür - völlig unabhängig vom Ausmaß des eigenen Bemühens um Objektivität - immer auch eine ausreichend feine Skala. Grobe Skalen erschweren Differenzierung und Vergleiche, aber darin sehe ich, im Gegensatz zu Dir, nicht per se einen Vorteil. Klar, kann man ein Review aufmerksam lesen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob ein Spiel, das 8 von 10 Punkten bekommen hat, nach Meinung des Autors stark Richtung 7 tendiert (um 7,5), schon beinahe ein 9 ist (um 8,5), oder eben tatsächlich genau in der Mitte - man kann aber auch einfach halbe Punkte einführen. Daran stirbt doch niemand.
Wichtig ist doch nur, dass ein Rezensent sich selber treu bleibt, so dass er dem Leser irgendwann ein Urteil darüber ermöglicht, wie sehr er sich mit dessen Erwartungen und Wertungsmaßstäben identifizieren kann und wie relevant dessen Urteil letztlich für ihn selber ist.