AW:
Burtchen schrieb:
Unsere Aufgabe als Journalisten ist es, gute, lesenswerte, ehrliche und informative Hefte zu machen, und dementsprechend ist auch klar, dass wir versuchen, gegen den Trend zu arbeiten.
Ohne dir oder einem deiner Kollegen zu nahe treten zu wollen - da genau liegt meiner Meinung nach ein großes Problem. Ihr seid keine Journalisten - ihr seid Redakteure. Das ist ein himmelweiter Unterschied, auch wenn das nur den wenigsten Lesern bewußt ist, weil ihnen das Fachwissen fehlt. Rein rechtlich darf sich leider in Deutschland jeder Journalist nennen - ohne spezielle Voraussetzungen oder einen bestimmter Ausbildungsweg, da es sich um eine ungeschützte Berufsbezeichnung handelt (Meinungsäusserungs-Freiheit, Art. 5 GG). Jeder Blogger, jeder Forenbetreiber, der ab und zu drei Sätze am Stück mit 5 Rechtschreibfehlern zu einem einigermassen aktuellen Thema publiziert, kann sich "Journalist" nennen, was den eigentlichen Ursprung und die Bedeutung des Berufs ad absurdum führt.
Genau diese Fehlentwicklunjg spiegelt sich auch in den Publikationen (egal ob Print oder Online) zum Thema "neue Medien" wieder. Selbst Chefredakteure haben teils nie eine vernünftige journalistische Ausbildung genossen, die meisten kamen durch Praktikumsplätze, Volontariate oder schlicht und einfach als Quereinsteiger durch fleissiges schreiben in Kommentaren oder Foren zu ihrem aktuellen Job. Im Bereich Game-Berichterstattung fehlt es den Redakteuren schlicht und einfach an Basiswissen und Erfahrung bzgl. handwerklicher Grundlagen des journalistischen Berufs - ich bezweifle keineswegs, das genügend Erfahrung beim Bedienen eines D-Pads oder mangelndes Hintergrundwissen über Shader-Modelle das Problem ist...
Was tut denn der normale Spieleredakteur? Er liest fleissig die Pressemeldungen der Publisher, nimmt möglichst viele vor Ort-Termine bei den Publishern und Entwicklern mit und unterhält sich ggf. noch mit dem einen oder anderen Kollegen über das aktuelle Spiel.
Danach fasst er alle Fakten zusammen, schmückt das ganze mit ein wenig verbalem "ChiChi" aus, greift evtl. noch auf ein paar Vergleiche aus seiner reichhaltigen Gamer-Vitae mit anderen Games zurück und hackt das ganze in seinen Mac. Problem dabei - das kann im Prinzip jeder, der sich a) einigermaßen vernünftig und fehlerfrei in Wort und Schrift ausdrücken kann und sich b) lang genug für das Thema "Games" interessiert.
Was einen (echten) Journalisten auszeichnet, das ist die sogfältige Hintergrundrecherche, das kritische Hinterfragen allzu offensichtlicher "Fakten" - vor allem aber genügend Zeit, sich mit einem Thema zu beschäftigen und es adäquat dem Leser zu vermitteln. Zugegeben - in der journalistischen Hackordnung liegen Spieleredakteure nicht grade auf Traumpositionen. Und das monatliche Zuschütten mit immer neuen, phantasielosen Spielen durch die Publisher respektive Verlagsverantwortlichen trägt auch nicht dazu bei, sorgfältige Recherche und sprachlichen Esprit zu fördern.
Das vor allem ist meiner Meinung nach der Grund, weshalb die Print-Ausgaben immer mehr an Boden verlieren - ihnen geht schlicht und einfach die Existenzberechtigung flöten. Mit zunehmender Verbreitung der Breitbandanschlüsse kann sich jeder Spiele-interessierte Leser (der der dt. Sprache mächtig und auch gewillt ist, diese "Fertigkeit" zu nutzen) schnell und umfassend über aktuelle Spiele aller Publisher für alle Plattformen informieren. Durch kommerzielle Portale genauso wie durch die zahlreichen Fanseiten, die teilweise qualitativ sogar noch besser sind, weil sie über deutlich mehr Personal und Zeit verfügen, "ihr" Spiel umfassend zu begleiten.
Wer wirklich aktuelle Informationen sucht, wird in keiner der noch am Markt verbliebenen Game-Publikationen der drei verbliebenen Verlage Computec, IDG und Springer auch nur irgendeine Information finden, die wirklich "neu" und exklusiv ist.
Der zu verteilende Kuchen auf dem Print-Markt wird immer kleiner, Computec versucht dem Problem dadurch entgegenzuwirken, das die Verlagsverantwortlichen den eigentlichen Kostenfaktor "Informationsbeschaffung und Auswertung" durch möglichst viele, ähnliche Magazine möglichst effektiv verwerten - man könnte auch sagen "melken". Das Aufkaufen konkurrierender Blätter war da schon immer eine relativ kostengünstige Methode, die vorhandene Infrastruktur (Verlag) noch weiter zu nutzen. Insofern war der Aufkauf von CyPress ökonomisch durchaus sinnvoll. Und dazu gabs ja noch den Webauftritt "Cynamite" obendrauf - vielleicht sogar der eigentliche Grund für den Deal...