AW: News - Online-Sucht: Frontal 21-Bericht:
Vielleicht weil ich als Gamer sicher auch ein wenig befangen bin.
Ein interessanter Punkt.
Interessant finde ich generell, wie Spiele Menschen und Ansichten verändern können.
Ich habe selbst über einige Monate sehr exzessiv Guild Wars gespielt. Das Spiel hat sich in meinen Tagesablauf gefressen, meine Planungen verwässert und Kontakte zu echten Menschen vermindert. Schließlich habe ich die Notbremse gezogen. Primär als mir klar wurde, dass ich meine Zeit mit irgendwelchen Charakteren vergeude, die ich eigentlich gar nicht kannte. Man nutzte den Begriff "Freunde", obwohl man nur belanglose virtuelle Erlebnisse teilte (Klärung einer Instanz, 4 Stunden Chat auf dem Marktplatz etc.). Dauerte anfänglich eine Session am Tag noch 2 Stunden, wurden es später 4 und am WE auch gerne 16 Stunden am Stück. Unglaublich, obwohl ich zuvor und jetzt nur maximal 4 - 6 Stunden pro
Woche spielte bzw. spiele. Damals habe ich auch gegen Medien gestänkert, die es wagten „meine Spiele“ negativ zu erwähnen. Onlinespiele machen süchtig? Quatsch...
Die Erkenntnis kam erst später...
Ich kann noch Geschichten von 2 ehemaligen Freunden (ehemalig, weil eben die Sucht fast alle Verbindungen abbrechen ließ) erzählen, die zu wandelnden WoW-Klischees wurden. In Hartz4 ist zwar noch keiner abgestürzt, aber die Entwicklung ist ähnlich fatal. Beide haben körperlich massiv abgebaut (ein Mädchen, und ein ehemaliger BW-Kamerad), beide haben kaum Zeit für ihre Freunde, beide haben sich recht konsequent von ihren Familien distanziert (obwohl es zuvor keinerlei Spannungen oder Probleme gab). Beide haben den Lebenspartner verloren. Bei Person 1 leidet das Studium, bei Person weiß ich es nicht.
Das sind freilich nur Momentaufnahmen die nicht repräsentativ oder irgendwie von Relevanz sein müssen, aber sie zeigen doch, dass diese Spiele a) passende Menschen ködern können b) ein definitives Suchtverhalten zu erkennen ist und c) der Absprung wie bei anderen Drogen extrem schwer zu bewerkstelligen ist.
Dass es diese Form der Sucht gibt, steht daher meiner Meinung nach absolut außer Frage.
Soweit meine Beobachtungen / Erfahrungen. Jetzt zu deinen Thesen:
Nichtsdestotrotz kann ich sagen, dass mich z.B Sport auch süchtig macht genauso bin ich süchtig nach Essen (was nicht heißt, dass ich übergewichtig bin) oder nach trinken. Jetzt nicht aufschreien, wenn diese Argumente ausgelutscht oder dumm wirken es ist nun mal so!
Ich bin nicht sicher, ob du dir im Klaren bist, wie man eine Sucht definiert. Es gibt ganz klar Fresssucht. Aber die normale Zunahme von Nahrung und (nichtalkoholischen!) Getränken passt nicht im Ansatz in ein Suchtmuster. Natürlich macht immer die Menge den Unterschied. Problematisch bei Onlinespielen ist eben, dass diese eine relativ neue Form der Sucht darstellen, aber bekannte Symptome zeigen (psychische Abhängigkeit, Abschottung, soziale Verwahrlosung).
Soll man jetzt verschiedene Sportarten auch eine Altersbegrenzung geben, nur weil man sie exessiv betreibt um einfach besser zu werden oder wegen einem Turnier trainiert oder nur weil es mächtigen Spass macht.
Der Sportvergleich ist imho unpassend, weil Spiele mit Onlineschwerpunkt schneller und effektiver Erfolgserlebnisse vermitteln können, als es eine richtig ausgeführte Sportart tun kann. Zumal sind besonders Onlinespiele so aufgebaut, dass diese schnell in ihren Bann ziehen, und das über eine verdammt lange Zeit. Beim tatsächlichen Sport spielen viele Faktoren eine Rolle, die eher abschreckend für Menschen sind, die schnellen Erfolg brauchen: Aufbau der Kondition / Muskeln, Koordinierung der Trainingseinheiten samt Regenerationsphasen für Muskeln und Kreislauf. Vorbereitung auf Turniere oder Events. Teamgeist bei Mannschaftssportarten. Taktik auf offenem Feld. Strategische Vorgehensweisen beim Fußball, Hockey, Volleyball oder Basketball. Sport ist tatsächliche Arbeit und setzt ein extremes Maß an Disziplin voraus. Spiele wie WoW sind zugänglich für jeden. Man muss nur Zeit haben oder investieren, und wird automatisch von diesen Titeln "konsumiert" und regelmäßig mit Items oder Klassenaufstiegen belohnt. Natürlich setzen Gilden auch ein gewisses Maß an Koordination, Kommunikation oder Taktik voraus, aber in Relation zum echten Sport mit echten Menschen die entsprechend direkt auf Fehler oder Erfolge reagieren, ist das schlicht gering. Sport muss zudem keinen Beziehungsersatz liefern, er liefert neue Beziehungen mit echten Menschen gratis und oftmals sogar ohne monatliche Gebühr. Dass man mit Freunden nach dem Sport noch einen Film gucken geht, ein kühles Blondes zischt oder etwas anderes macht, ist ja nun nicht so ungewöhnlich.
Dass die Medien reißerisch mit einer Thematik umgehen, ist nichts Neues. Man wird immer die negativen Punkte ausführlicher behandeln, als die positiven. Natürlich kritisiert man primär Manager und Banker die Gelder vernichtet haben, ohne darauf zu verweisen, dass es auch vorbildliche Personen gab, die kein Schindluder betrieben haben. Natürlich kritisiert man Spiele die süchtig machen und zeigt entsprechende Opfer, ohne aber zu erwähnen, dass es da draußen viele Konsumenten gibt, die normal damit umgehen können. ABER: Im Kern bleibt die Wahrheit, dass fiese Banker bzw. abhängige Spieler existieren, und das Spiele eben einen starken Einfluss auf Leute haben können. Und das scheinbar bei immer mehr Spielern weltweit. Es ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen, dass negativ über diese Spiele berichtet wird.
Regards, eX!