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Janovino am 29.11.2007 11:35 schrieb:
In Crysis fühle ich mich manchmal sehr komisch: wenn ich auf den Kopf eines koreanischen Soldaten ziele und dann abdrücke. Der Typ bricht zusammen und bewegt sich nicht mehr - er ist tot. Ich weiß es ist kein Mensch, hat mit einem Menschen gar nichts zu tun, aber er sieht genauso aus wie ein Mensch. Selbst wenn ich in dem Spiel sehr nah ran gehe sieht sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung und Mimik aus wie das eines Menschen. Und doch ist es keiner und trotzdem ertappe ich mich manchmal dabei, gerade wenn ich anfange zu spielen, das ich mich irgendwie seltsam fühle.
Ähnlich ging es mir bei RTCW und dem Flammenwerfer, den hab ich schon gar nicht benützen wollen, da mir das schreien der brennenden Soldaten, das herum zappeln und sterben ziemlich unangenehm war. Es ist natürlich nicht grausam, da es nur ein Pixelding ist, und das Feuer ist auch ein Pixelding und zusammen machen sie nichts anderes als eine Pixelshow, aber wenn ich mir ständig erklären würde, das alles was ich da mache nur Pixelshow ist und auch mein Überleben als Spielfigur nur Pixelkram ist, dann würde das Spiel ja irgendwann keinen Spaß mehr machen, und deswegen vergesse ich mal die Realität eines Pixel und lasse mich auf die Spielwelt ein und da passiert es eben, das mir das unangenehm wird, ja sogar sowas wie ein verstoß gegen meine eigenen Moralinstanzen und ich das auch ernst nehmen muss, wie gesagt.
Im nachhinein macht das dann schon Spaß und ich spiele immer wieder und Schieße und bringe Gegner um und laufe durch die Welt und so weiter, eine hervorragende Unterhaltung - oder sollte ich lieber sagen ich bewege ein paar Pixel, veranlasse eine Rechenmaschine ein paar Linien und Flächen zu berechnen und löse Signale aus mit Eingabegeräten, die dann die Rechenmaschine verarbeitet und dazu ein Bild auf einem Anzeigemedium erzeugt?
Sehr guter Beitrag. Endlich mal jemand, der zugibt das das Spielen solcher Spiele durchaus etwas verändern kann.
Sicher ist die Killerspieldebatte ein einziger Witz, da sie an Übertreibung, Skandalisierung und Polemik kaum zu überbieten ist. Das in Formaten wie "Frontal 21" usw. .zum Teil sogar falsche tatsachen präsentiert werden ist auch jedem klar. Aber mal tacheles:
Wenn ich ein Computerspiel zocke dann geht es mir sogar um nichts anderes als das geistige Loslassen meiner realen Umgebung, das Identifizieren mit der Spielfigur und das Versinken in der Spielwelt.
Wäre ich nun noch unzufrieden, gehemmt oder was auch immer im realen Umfeld, was es sicherlich häufiger gibt als man denkt, könnte man von der viel genannten Realitätsflucht sprechen.
Und ja, wenn ich einen Shooter spiele, dann denke ich mir während des Erschießens der NPCs, daß ich beispielsweise ne ganz schön harte Sau bin usw. (Jeder hat da seine eigenen Vorstellungen) Jedenfalls kann niemand behaupten, daß er Egoshooter als reine Zielübung versteht und sich während des spielens permanent bewusst ist, daß der abzug an der Waffe die linke Maustaste ist. Und wenn dann die Gewaltdarstellung immer realer und heftiger wird und die Grenze zwischen Mensch und NPC immer mehr verschwimmt (siehe crysis, CoD4) dann hat das auswirkungen auf mich. Die von dir beschriebene Situation mit dem Flammenwerfer und den schmerzensschreien ist ein gutes Beispiel. Wenn mir dieser Moment plötzlich viel zu brutal ist und sogar mein Gewissen alarm schlägt, dann ist das der beweis, daß ich mir beim spielen sehr wohl im klaren war eine virtuelle "Tötungssimulation" zu spielen und keinen Geschicklichkeitstest. Nur daß das "normale" Erschießen der Feinde eben bereits soweit Routine ist, das ich nicht mehr darüber nachdenke. Heißt das ich bin abgestumpft ? gefühlskalt? Was genau im gehirn passiert, kann ich nicht beschreiben aber ich kann mir sehr gut vorstellen, daß solche spiele für labile oder latent agressive menschen ein völlig anderes erlebnis bieten und ganz andere dinge auslösen. Niemand kann das mit sicherheit sagen. Und ich meine mit solchen personen nicht unbedingt potentielle amokläufer sondern einfach nur menschen mit schwächen in der sozialisation. (Ich würde sogar behaupten daß die meisten die wow spielen einzig das hochleveln und verbessern mögen und damit kurz gesagt das Gefühl, eine art von macht zu besitzen, die man im realen leben so nicht hat. aber egal, ich will mal beim Thema bleiben...das prinzip ist aber das gleiche. Mit Computerspielen KANN (nicht muss) man etwas kompensieren)
Dazu kommt noch, daß für viele hier crysis der vielleicht allererste shooter sein könnte. Die Grafik von den shootern die ich in den 90er jahren gespielt habe, war dermaßen mies, daß ich eigentlich nur durch meine kindliche fantasie die virtuellen grenzen verschwimmen lassen konnte. Man musste das gehirn regelrecht bemühen, um die Grenze zwischen realität und virtuellem zu überschreiten. Heute bekommen die 14 jährigen direkt crysis vor die nase. Identifikation mit der spielfigur und das "für wahr befinden" der Umgebung fallen also sehr viel leichter.
Aber auch bei spielen wie counterstrike regt es mich regelmäßig auf, wenn die spieler behaupten sie könnten auch auf tontauben oder strichmännchen schießen, es gehe nur um taktik und geschick. das ist vielleicht bei den absoluten e-sport nerds der fall. aber nicht beim durchschnittlichen CS spieler. Totaler quatsch, daß CS mit kindergrafik und wasserpistolen den selben erfolg hätte.....
So, ich hab jetzt n bißchen sehr viel geschrieben, ohne es nochmal durchzulesen. also verzeiht mir die fehler.