Ich habe jetzt nicht alle Beiträge gelesen. Kann also sein, dass ich hier nichts Neues sage.
Die USK hat sich weiterentwickelt. Damit meine ich jetzt nicht, dass sie nun endlich jede Form der Gewaltdarstellung durchwinkt. Ich bin Ü30, ich brauche nicht immer mehr Gewalt. Im Gegenteil, stellenweise kotzt es mich sogar an, wenn sinnlos das Blut spritzt, einfach nur weil... öhm... ja... weil es halt geht

Ich fand es im Tomb Raider Reboot schon drüber, dass beinahe für jedes Quick Time Event eine blutige Todesanimation für Lara eingebaut wurde. Voll fürn Arsch, ohne einen Holzpflock durch den Kopf, geht scheinbar nichts mehr. Als wäre das ein wichtiger Spielbestandteil... Aber egal. Bleiben wir bei der USK und ihrer Entwicklung. Sie blockiert nicht mehr alles, was irgendwie mit Gewalt zu tun hat. Sie hat begonnen, zu differenzieren. Das es dabei zu widersprüchlichen Entschidungen kommen kann (und wird!), ist klar. Man muss erst seinen neuen Weg finden. Aber wenigstens suchen sie nach ihm.
Ich denke, dass die USK diese Szene hat "durchgehen" lassen, eben weil sie so schonungslos brutal und interaktiv ist. Man bleibt nicht in der gewohnten Spielansicht (gewohnt = vertraut = Sicherheit), um sein Opfer zu schlagen und zu quälen. Die Szene wird besonders hervorgehoben und auf eine Art dargestellt, die wohl bei jedem empfindungsfähigen Wesen eine gewisse Abscheu aufkommen lässt. Man wird gezwungen minutenlang zu quälen, ohne es spaßig in Szene zu setzen und ohne viel Spielraum zu geben. Das hier ist kein Manhunt, wo ich bei jeder Waffe noch aus drei Todesanimationen auswählen kann. Es wird nicht die Gewaltdarstellung in Szene gesetzt, sondern die Ausübung. Man drückt nicht das Knöpfchen, um ne schöne Szene anzuschauen und weiterzugehen. Man drückt und drückt und drückt, ohne das es aufhört. Man kann sich nicht abwenden, um sich gleich das nächste, anonyme Opfer zu suchen. Man kann nicht entfliehen. Man muss sich mit seinen Taten auseinandersetzen. Man bekommt die Zeit aufgezwungen, über Folter nachzudenken. Und wenn man das nächste Mal die Nachrichten einschaltet und was von Guantanamo hört, wird man an das unwohle Gefühl denken, dass man bei GTA hatte. Guantanamo wird von der Textzeile der Nachrichtensprecher, zu einer Abscheulichkeit. Großartig!
Ähnliches hat man schon bei Spec Ops: The Line gemacht. Wäre früher auch im Leben nicht durch die USK gekommen. Dort wurde der Spieler ebenfalls gezwungen, schlechte Dinge zu tun (auch wenn es nicht von Anfang an klar war), um ihn anschließend in Cutscenes mit den Konsequenzen seiner Handlungen zu konfrontieren, oder ihn gleich in den "Geh-Modus" zu zwingen, damit er zwei Minuten braucht um durch die Leichenfelder zu spazieren, die er fabriziert hat. Hilfeschreie und abgetrennte Gliedmaßen inklusive. Dort hat man die Gewaltdarstellung gebilligt, weil sie notwendig war, um die Konsequenzen der Gewalt zu zeigen. Bei GTA V billigt man die Gewaltdarstellung, weil sie nötig ist, um die Abscheulichkeit der Durchführung und die Unmenschlichkeit der Täter darzustellen.
Und nun kommt die Kopfnuss: Nach jedem Amoklauf wird von Spielern geschrien, dass Computerspiele nicht Schuld sind. Sind doch nur bunte Pixel auf einem Bildschirm, hat mit der Realität nichts zu tun. Nur weil man mit der Maus klickt, ist man doch noch lange nicht in der Lage, im echten Leben Menschen zu töten. Pixel wegzuklicken, bringt nicht bei, Spaß am Töten zu haben. Recht haben wir! Aber nun schauen wir uns mal diese Folterszene an. Sind doch nur bunte Pixel auf einem Bildschirm...
Auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 ein "Juckt mich nicht, sind nur Pixel" ist und 10 einem "Das ist abartig, ich will das nicht!" entspricht, liegt die Folterszene bei "Das ist abartig, ich will das nicht!", also einer 10. Den Schritt vom Spiel zur Realität, finden wir aber schon bei Shootern (auf der Skala also eine 1) extrem heftig und unrealistisch. Etwas das uns bei Pixeln nicht stört, würden wir im echten Leben nie machen, weil es unmenschlich ist. Wie aber ist der Schritt dann erst bei der Folter? Wenn wir selbst mit den Pixeln Mitleid haben? Wie unmenschlich muss man sein, wenn man DAS in der Realität macht - etwas das wir nicht mal virtuell ertragen wollen?
Fazit: Als Kritik, finde ich diese Szene gut. Das Medium "Computerspiel", hat Potenzial, uns wirklich zum Nachdenken anzuregen. Ich habe solche Szenen schon in manchem Film gesehen (ich rede hier von harmlosen James Bond Filmen!), aber nie wirklich darüber nachgedacht. Wenn man aber selbst aktiv werden muss, wenn die Folter nicht ohne eigenes Zutun abläuft, ist das was anderes. Diese Interaktivität erreicht mich. Aber ob diese Szene in ein GTA gehört? Für mich war GTA immer eine Gangsta-Parodie. Ein humoristisch-satirischer Blick auf Gangsta-Rapper, korrupte Bullen, Banden und Perverse. Ins Lächerliche überzeichnete Gewalt, die man nicht ernst nehmen kann. Quasi "Pulp Fiction: The Game". Das ist GTA's Stil. Passt da eine knallharte Folterszene rein? Eine Szene, in der die Gewalt entgegen der üblichen Gepflogenheiten eben NICHT ins Lächerliche überzeichnet wird? Normalerweise hätte es den Schraubenschlüssel zehn mal quer über den Kopf gegeben, ohne das dem Opfer viel passiert. Aber hier passen sie ja sogar auf, dass sie ihn nicht versehentlich umbringen. Da geht der Schraubenschlüssel eben nicht auf die Rübe, weil man sich plötzlich bewusst ist, dass das Leben kein Tom & Jerry-Zeichentrick ist, in dem man alles überleben kann.
Natürlich, die Szene lebt davon, dass sie nicht passt, das ist mir klar... Aber darf man so krass "gegen" sein Publikum gehen? Der Spieler erwartet ein "lol, voll aufs Fressbrett" und bekommt ein "Shit, mach das weg!". Die Szene ist gut, sie erfüllt ihren Zweck hervorragend. Aber gehört sie an diese Stelle, in dieses Spiel? Im oben angesprochenen Spec Ops: The Line, hätte ich sie gefeiert. Aber in einem GTA... Fühlt sich ungut an. Macht keinen "Spaß". Was wohl auch zur Akzeptanz der USK geführt hat.