Also eigentlich ist es so:
Content ID gibt es auf Youtube schon seit Jahren. Das System kennt jeder, der mal versucht, ein Video auf Youtube hochzuladen, in dem ein Song vorkommt, dessen Rechte nicht bei einem selbst liegen. Dann wird das Video nämlich gar nicht erst veröffentlicht. Möchte man das dennoch veröffentlichen, muss man sich erst einem langwierigen Approval-Prozess unterziehen. Manchmal kommt es auch vor, dass nicht sofort alles erkannt wird und ein Video später erst als bedenklich markiert wird.
Um diesem ganzen Hickhack zu entgehen und Videos sofort und ohne Freischaltung uploaden zu können und im Zuge dessen auch optimal monetisieren zu können, haben sich vor einigen Jahren diese Multi-Channel-Networks (MCN) gegründet wie Maker/Polaris oder Machinima, die mit Youtube einen Vertrag eingegangen sind: die MCN sorgen dafür, dass ihre Mitglieder keine Kopierschutzverletzungen begehen, und im Gegenzug dürfen die Betreiber der Kanäle ihre Videos sofort und ohne die Anwendung von Content ID hochladen. Dafür müssen die Kanalbetreiber dem MCN einen gewissen Anteil der Einnahmen von den Videos überweisen (bei kleineren Channels teilweise bis zu 50%!). Dies führte dazu, dass die meisten bekannten Spielechannel jahrelang mit Content ID usw praktisch nichts am Hut hatten, weil sie quasi eine Blankoberechtigung hatten. Teil des Vertrages mit den MCNs sahen oft auch Cross-Channel-Promotionen vor, wovon aber in der Regel nur größere Channels einen nennenswerten Vorteil hatten, während tausende kleinere Channels praktisch nie irgendwo erwähnt wurden....
Das Problem bei der ganzen Sachen jetzt hat zwei Dimensionen. Zum einen verschärft Youtube etwas die Gangart, weil sie sich möglichen Klagen aus der Musik- und Filmindustrie gegenüber sehen. Das führte dazu, dass sie den Druck auf die MCNs erhöhten, ihre Mitglieder entsprechend zu beaufsichtigen (zu "managen"). Diese hingegen (und das ist der zweite Teil des Problems) haben aber über Jahre hinweg in Saus und Braus gelegt. Statt die Videos der Mitglieder zu beaufsichtigen und bei Verletztungen entsprechend vorzugehen, haben sie ihre Mitglieder teilweise machen lassen, was sie wollen, und haben trotzdem ihre Provisionen eingestrichen (das MCN PRM ist ein unrühmliches Beispiel dafür). Diese Konstellation führte nun unlängst dazu, dass sich die MCNs eine neue Spielerei einfallen haben lassen, um nach wie vor Provisionen kassieren zu können, ohne einen relevanten Gegenwert bieten zu müssen: sie trennten ihre Mitglieder in "gemanagte Channels" und "affiliated Channels" auf. Während die gemanagten Channels weiterhin den Luxus genießen, von Content ID verschont zu werden, gilt dieser Schutz nicht mehr für die affiliated Channels. Teilweise wurden bestehende Verträge einfach in affiliated Verträge umgewandelt oder manche Betreiber haben auch aktiv zugestimmt, um nicht ganz aus dem Raster zu fallen (da man befürchtet, ohne MCN-Zugehörigkeit ganz von Youtube zu verschwinden oder kurz oder lang). Das ist der Grund, warum jemand wie Angry Joe jetzt vor diesen ganzen Copyright-Ansprüchen steht. Content ID findet jetzt nicht nur Anwendung auf neue Videos von ihm, sondern auch auf alle seine schon vorhandenen Videos auf Youtube! Das sorgt natürlich für extreme Probleme, wie man sich denken kann....
Content ID an sich ist natürlich auch alles andere als ein optimales System, da es zum einen sehr inflexibel ist und zum anderen recht einfach missbraucht werden kann. Nur ist Content ID kein "neues" System und jahrelang hat kein Hahn danach gekräht (außer viele kleine Kanäle ohne MCN-Zugehörigkeit). Außerdem liegen die wahren Probleme nicht etwa bei Youtube, sondern in der Gestaltung der amerikanischen Copyrightgesetze, die derart Spielereien zulassen und derart inflexibel sind und die Musik- und Filmindustrie begünstigen.
Ich finde auch, dass Content ID ein schlechtes bzw. verbesserungswürdiges System ist, keine Frage. Es sollte zum Beispiel nicht erlaubt sein, ein Video zu beanspruchen, wenn man gar keine Rechte am entsprechenden Material hat. Aber es ist natürlich berechtigt, dass Videos gar nicht erst hochgeladen werden sollten, die kopierrechtlich geschütztes Material enthalten (auch wenn es nur 10 Sekunden sind eines Songs). In dem Fall muss der Betreiber sich nun mal erst eine Genehmigung einholen. Ein Spezialfall ist das Gesetz der "fairen Anwendung", d.h. die Verwendung von Material bei Reviews usw., bei dem eine entsprechende eigene Bearbeitung des Materials vorhanden ist (gilt so auch für Persiflagen usw). Das sollte aber bei Spielen eh kaum ein Problem sein, da die allermeisten großen Publisher und Entwickler Youtubevideos ihrer Produkte offiziell begrüßen, selbst wenn die Betreiber damit Geld verdienen (Nintendo ist da eine unrühmliche Ausnahme....). Ich hoffe, dass Youtube in Zukunft ein verbessertes System einbaut, das transparenter ist, stabiler gegen Missbrauch ist und vielleicht auch mal flexible Lösungen in der Verwendung von geschützem Material zulässt (evtl. über Provisionen etc). Bei der aktuellen Haltung der Musik- und Filmindustrie ist damit aber bis auf weiteres nicht zu rechnen.
Kurz: Die Angelegenheit ist weit komplexer, als manche Äußerungen den Anschein machen (egal ob von Youtubekanal-Betreibern oder von der Fachpresse, die sich auch nicht wirklich eingängig mit dem Thema zu beschäftigen scheint....)