flight231 am 12.09.2006 14:25 schrieb:
Das ist im IT-Bereich normal.
Habe auch mit 23 (nach abgebrochenem E-Technik-Studium) versucht nen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker-Anwendungsentwicklung zu bekommen.
Da hiess es auch meist: Sie sind zu alt.
Die Firmen haben da gar nicht so auf Abschlüsse geschaut sondern wollten Leute die 16-18 sind, schon 3-4 Programmiersprachen beherrschen usw.
Habe dann ne Stelle bekommen, wo der Chef meinte, er wolle jemanden der schon "erwachsener" ist und den er auch auf die Kunden loslassen kann.
Habe die anderen, die mir mir in den übrigen Firmen vorgezogen wurden, in der Berufsschule wiedergesehen. Konnten dann zwar 3-4 Programmiersprachen aber waren des deutschen nicht mächtig, geschweige denn des englischen.
Die sassen die meiste Zeit in Ihren dunklen Kammern und haben Quellcode getippert aber hatten keinen Kontakt zum restlichen Betrieb...
Da war ich dann froh, dass ich in diesen Firmen nicht gelandet bin....
Kommt halt immer drauf an, was die Firmen mit einem "vorhaben"....
Solange man nicht denselben Fehler macht wie ich, kann man auch im IT-Sektor glücklich werden. In meiner jugendlichen Naivität habe ich doch tatsächlich im Hauptstudium die Vorlesungen besucht, die mir Spaß machten und die viele andere nicht konnten (weil zu schwer -> Theoretische Informatik). Als Ergebnis davon habe ich jetzt einen der besten Abschlüsse des Jahrgangs (1,1) und bin seit fast drei Monaten arbeitslos.
Kein Arbeitnehmer nimmt sich mal drei Monate um einen Neuling aufzubauen und danach langfristig von der deutlich überdurchschnittlichen Produktivität desjenigen zu profitieren.
Nein, der soll, wenn er frisch von der Uni kommt, bereits jahrelange Projekterfahrung mitbringen. Am besten mit proprietären Technologien, deren Anschaffung sich ein Privatmensch gar nicht leisten kann.
Ab nächstem Monat bekomme ich dann endlich Arbeitslosengeld II, da Berufseinsteigern in Deutschland keine Chance gegeben wird.
Wir haben in Deutschland keinen Mangel an IT-Nachwuchs. Der vorhandene Nachwuchs wird nur extrem vernachlässigt und erreicht darum nicht die gewünschte "Marktreife".
In anderen Branchen sieht es allerdings ähnlich aus. Meine Freundin hat ihre schulische Ausbildung auch als eine der besten ihres Jahrgangs abgeschlossen. In ihrem Beruf gibt es allerdings überhaupt keine Jobs, also muss sie sich nun um eine neue Lehrstelle kümmern. Da sie aber schon eine Ausbildung hat, ist sie natürlich zu alt für 99% aller ausgeschriebenen Lehrstellen.
Menschen werden nur noch wie Ware bewertet, analysiert, profitmaximiert.
Nehmen wir dochmal das neue, hochgelobte,
faire Konzept der Zeitarbeit. Einige meiner Bekannten kamen schon in den Genuß dieser Fairness.
Für diejenigen hier, die mit diesem Konzept nicht vertraut sind:
Wenn eine Firma gerade gesteigertes Auftrags-Aufkommen hat und kurzfristig Arbeitskräfte braucht, die man nach der Auftragsflut auch schnell wieder loswerden kann, dann wendet sich die Fima an eine Zeitarbeitsfirma und bekommt von dort die Arbeitskräfte. Die Arbeiter der Zeitarbeitsfirma werden von der Zeitarbeitsfirma beschäftigt, aber arbeiten normal mit den Leuten der leihenden Firma. Gibt es für einen Mitarbeiter bei einer Zeitarbeitsfirma gerade keine geeignete Stelle, so sitzt dieser auf Abruf zuhause und wird normal von der Zeitarbeitsfirma weiterbezahlt.
Klingt in der Theorie ganz gut, aber in der Praxis wurden schon mehrere Branchen durch die Zeitarbeit "kaputt gemacht".
Zeitarbeiter werden in aller Regel deutlich schlechter bezahlt als die festangestellten Kollegen, die dieselbe Arbeit verrichten. Einbußen im Lohn für die Arbeiter von bis zu 40% sind nicht selten. Desweiteren werden Überstunden nicht ausbezahlt. Jeder Zeitarbeiter hat ein Stundenkonto, auf dem er bis zu ca. 130 Stunden ansammeln kann, ohne daß eine Insolvenzversicherung abgeschlossen werden muss. Hat man also 130 Überstunden ausstehen und die Zeitarbeitsfirma geht pleite (das ist gar nicht so selten) ist ein guter Monatslohn futsch. Schließt die Firma eine Insolvenzversicherung ab, dann darf man sogar ca 190 Stunden aufs Konto schaufeln.
Da Zeitarbeiter für die leihende Firma deutlich billiger sind als Festangestellte, wird in einigen Branchen die Zeitarbeit nicht genutzt um personelle Engpässe auszugleichen, sondern um im großen Stil Kosten bei den Arbeitnehmern zu sparen. Feste Arbeitsplätze werden zunehmend durch billige Zeitarbeiter ersetzt.
Wenn man dann also bei so einer Zeitarbeitsfirma eingestellt wird, wird als erstes das Stundenkonto vollgeschaufelt (60-70 Stunden die Woche, Samstags und Sonntagsarbeit sind dabei nicht selten). Und das ganz bei einem Gehalt, daß etwa 60-70% von dem entspricht, was man bei der enstprechenden Qualifikation erhalten müsste, wohlgemerkt ohne die Überstunden, diese werden ja nicht ausbezahlt!
Das ist nur ein Beispiel dafür, wie die Wirtschaft mittlererweile mit den Menschen umgeht. Und dann wundert man sich ernsthaft über Amokläufer?
Wie ein guter Kumpel von mir immer sagt: "Beim nächsten Flugzeug, daß in ein Hochhaus fliegt, sitze ich am Steuer."
Bis dann denn!
McTrevor