AW: Erlaubtheiten
Pope am 29.04.2009 17:52 schrieb:
Aber wenn es zu echten Feuergefechten kommt, denkt niemand mehr großartig an irgendwelche Vorschriften.
Unsere Bundis befinden sich in Afghanistan auch im Kriegszustand (gestern hat es wieder 5 erwischt, einer davon ist verstorben). Auch wenn das im öffentlichen Fokus anders rüberkommt bzw. diese Karikatur eines Verteidigungsministers permanent von einer "Situation" spricht, die zwar kriegsähnlich sei, aber den Tatbestand eines Krieges nicht erfüllt. Bei jeder Streife, bei jeder Kontrolle, bei jeder Bewegung mit Waffe in Uniform gelten die Einsatzregeln. Nur weil dir ein Junge mit Rucksack verdächtig vorkommt, darfst du nicht direkt das Feuer eröffnen. Wenn sich Stämme intern streiten, ohne aber Zivilisten oder Soldaten anzugreifen, dann hat man ebenfalls nicht das Recht mit Waffengewalt einzugreifen. Auf der anderen Seite hast du als Soldat sogar die Pflicht Befehle zu verweigern, die moralisch und ethisch nicht mit der Mission vereinbar sind. Z.B. der befohlene Mord an Frauen oder entwaffneten Taliban, die sich ergeben haben. Selbiges gilt für Folter oder Grausamkeiten anderer Art. Zumindest bei der BW funktioniert dieses Netz auch, und es kommt zu Untersuchungen / Konsequenzen für Soldaten, die mutwillig gegen die ZDV oder das RoE-Regelwerk verstoßen, bzw. moralisch fragwürdig im Einsatz handeln. Den Amerikanern würde ich nach Bush dieses Verhalten nicht unbedingt attestieren wollen, aber dort sind Mentalität und Ausbildung auch gänzlich anders.
Ich erinnere daran, dass die Alliierten in den Golfkriegsoffensiven mehr Verluste hatten durch friendly fire als durch Feindeinwirkung.
Was bekanntermaßen ein Problem der militärischen Aufklärung war (falsche Angabe von Feindpositionen, schlechtes Aufklärungsmaterial, schlechte Kampfbedingungen durch Sandstürme oder brennende Pipelines). Hinzu kam der Punkt, dass gerade die US-Kräfte auch Rekruten ohne großartige Erfahrung (Übungen, Manöver, spezielle Schulungen) in den direkten Kampf schicken (wie auch im Irak). Das wäre hier ein Ding der Unmöglichkeit. In Afghanistan fährt ja auch nicht der IT-Feldwebel auf Streife. Das machen nur entsprechend geschulte Truppenteile (Feldjäger etc.).
SCUX am 29.04.2009 23:08 schrieb:
und das braucht man wirklich als durchschnittlicher deutscher junger Mann
Faktisch natürlich nicht. Praktisch schadet es aber nicht, gewisse Fertigkeiten vermittelt zu bekommen, solange es in einem sachlichen Kontext abläuft. Gegenfrage: Brauchen wir Kriegsspiele wie CoD, die bekanntermaßen die Ereignisse des zweiten Weltkriegs als lustige Familienunterhaltung verkaufen, garniert mit patriotischem Kitsch der Extraklasse und inszeniert mit der irren Absicht, dass ein Mann tatsächlich so viel im Krieg erreichen kann?
Es geht mir nicht über den Sinn oder Unsinn der Bundeswehr.
Das Thema ist generell ähnlich wie die Frage ob man an Gott glaubt. Eben eine Glaubensfrage.
Persönlich bin ich der Meinung das Bund/Zivi jeweils auch einfach einen sozialen erzieherischen Zweck erfüllen, und somit GUT sind....
Da sind wir uns einig.
aber dennoch: man wird darauf vorbereitet wie man im Fall der Fälle tötet.....
Das ist natürlich die logische Konsequenz, auf die große Teile der Ausbildung hinarbeiten. Wobei "hier" ja der Begriff "töten" so gut wie möglich ausgespart wird. "Verwunden" oder "kampfunfähig machen" sind da die klassischen Begrifflichkeiten. Wobei klar ist, dass es im Ernstfall natürlich auch auf das nackte Töten hinauslaufen kann und wird.
aber sämtliche Freunde von mir waren beim Bund...über "Verantwortung mit der Waffe" kannst du mir nichts erzählen....entweder lügen die Alle unabhängig von einander..oder es geht da eher um das BummBummPrinzip bei den Übungen...mal abgesehn vom Saufgelager....
Ich kann die Situation in anderen Einheiten nicht beurteilen. Aber ich und meine Kollegen dienten (in unterschiedlichen Einheiten) direkt nach dem Folterskandal in Coesfeld. Das hatte den positiven Effekt, dass Ausbilder stärker sensibilisiert waren, und die Ausbildung insgesamt ernst genommen wurde. Egal ob Feldlager, Sani-Ausbildung, Nahrungsaufnahme im Feld oder eben Waffeneinsatz: Der Faktor Humor hatte da nichts zu suchen. Erst nach Dienstschluss waren auch mal Witze drin. Sonst erinnerte das eher an eine Armee von Spaßbremsen.
Wir wurden ja schon direkt am ersten Tag mit den Worten begrüßt:
"Kameradschaft ist der wichtigste Punkt hier, aber Kameradschaft darf nicht als Mantel für fragwürdige Abläufe missbraucht werden. Wenn Sie feststellen, dass ein Kamerad
- Drogen nimmt (illegale oder auch legale in zu großen Mengen (ALK))
- rassistische Tendenzen zeigt
- psychologisch problematische Äußerungen macht (Selbstmord, Amok)
oder sonstig negativ auffällt, dann haben Sie DIESES VERHALTEN zu melden."
Danach haben wir uns auch gerichtet. Bei meinen Freunden lief es ähnlich ab. Keiner regte sich über „laue Umgangsformen“ oder „mangelnde Ernsthaftigkeit bei der Schießausbildung“ auf. Selbst ein überzeugter Pazifist nicht, der es verpeilt hatte den Verweigerungsantrag fristgemäß zu stellen. Muhaha... ^^
SCUX am 30.04.2009 00:27 schrieb:
Bei dem Vergleich geht es mir einfach nur darum das man auf der einen Seite versucht Kinder vom "Kriegspielen" weg zu bekommen, und auf der anderen Seite junge Erwachsene and er Waffe ausbildet....
ganz einfach.
Und wie oben geschrieben: Die Ausbildung geschieht in geregelten Bahnen. Es gibt Unterrichte die über Moral und Ethik aufklären. Bei der Waffenausbildung wird im Regelfall massiv auf den Faktor Verantwortung gesetzt, und es wird vermittelt, dass Waffen kein Spielzeug sind. Psychologisch oder konsumauffällige Kameraden werden rausgefiltert. Die tatsächlich Wahrscheinlichkeit, dass man später im Einsatz die Waffe erheben muss (als normaler W9er im V-Fall) ist hingegen verschwindend gering.
Bei den Spielen findet keine effektive Kontrolle statt, keine psychologische Aufklärung, brutale Abläufe werden mit den banalen Floskeln "es ist nur ein Spiel" oder "es macht halt Spaß" erklärt (kommst du mit so einem Spruch bei der Waffenausbildung, dann bekommst du direkt einen Einlauf - wie hatten genug Battlefieldkiddies in der AGA, die genau so verpeilt das echte Schießen beschrieben haben). Und du sagst es selbst: Kinder. Ja, Kinder haben bei diesen Spielen nichts verloren. Der Bund zieht ja auch keine 13 Jahre alten Blagen ein, die nicht wirklich reflektieren können, was gerade passiert, bzw. was die Folgen sein könnten.
Bei einer gut ausgebildeten Berufsbundeswehr braucht kein Mensch nen Wehrdienst....ganz einfach...dennoch wird er weiter durchgezogen....
Weil der Wehrdienst den entscheidenden Vorteil bringt, der einer Berufsarmee verloren gehen würde: Der Einzug von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. So kommen Leute zum Bund, die vielleicht anfänglich nicht passen, später aber die Truppe mit ihren Fähigkeiten bereichern (Informatiker, Sportler, Menschen mit Führungspotential). Hinzu kommt eben auch der bereits genannte Punkt, dass der Faktor Zivildienst wegfallen würde, wenn es den Dienst an der Waffe nicht mehr gäbe. Was das für den Pflegenotstand in Deutschland bedeuten würde, muss wohl nicht erläutert werden.
wäre doch mal interessant wie viel % der Amokläufer beim Bund war, oder zumindest damit spekulierte dort hin zu gehen...
Da in jüngster Vergangenheit nur Jugendliche bzw. junge Erwachsene für fatale Taten verantwortlich waren (afaik diente keiner von denen beim Bund), dürfte die Frage eigentlich hinfällig sein.
Regards, eX!