AW: News -
hallo leute,
als volljurist der seit bestimmt 20 jahren dem waffenlastigen e-sport hobbyweise fröhnt, bin ich wohl auch ein "statistischer ausreißer". mein bruder als diplomierter BWL´er wohl ebenso... irgendwas haben unsere eltern wohl falsch gemacht...
auch ich habe nach der kontraste-sendung eine protestmail an die redaktion geschickt und die hinlänglich bekannte antwort der redaktion mit haufenweise links auf wissenschaftliche beiträge, die beweisen, dass daddeln dumm macht bekommen.
nachdem die rbb-kontrate-redaktion mit ihrer mail sich über die mangelnden "validen" argumente der protestmailer beklagte, habe ich mir die mühe gemacht und die in der rbb-mail enthaltenen links, die angeblich wissenschaftlich beweisen sollten, dass killerspiele dumm machen angeklickt und die artikel tatsächlich aufgearbeitet.
meine antwort an die rbb-radaktion habe ich für euch nun hier eingefügt. die redaktion reagierte darauf lediglich noch einmal mit einer standard mail, die dem geneigten zuschauer anempfohl, die beiträge aus ihrer ersten mail zu lesen. hätten die lieben redakteure dort wohl selber mal machen sollen.
sorry, komplexes thema, ging nicht kürzer. :
Sehr geehrter Herr Mayer,
vielleicht findet sich trotz dem zugegeben z.T. unerfreuliche unsachlichen Echos aus der Gamer-Szene trotzdem jemand die Zeit, sich mit dieser meiner Mail und meiner kritischen Würdigung Ihres Beitrages und insbesondere Ihres Rundschreibens auseinander zusetzen.
1. Statistische Relevanz
Ein geflügelter Satz heißt "nicht alles was hinkt ist ein Vergleich" und ihr Vergleich von Raucherrisiken mit Computerspielern ist zudem kein guter. Tatsächlich sind jugendliche Amokläufe in bezug auf die Kriminalstatistik die statistisch verschwindend geringe Ausnahme - im Gegensatz zum Rauchen und bestimmten Krankheiten. Reziprok-disproportional zu Amokläufen sind zeitnah zu der Tragödie veröffentlichte Beiträge in den Medien, die sehr populistisch und in der Sache unausgewogen auf die "Killerspiele" eindreschen.
Wenn sie schon plakative Vergleiche heranziehen wollen, dann wenigstens solche mit ähnlichem Inhalt. Flugzeugabstürze sind immer tragisch und mit einer Vielzahl von Opfern verbunden, aber gemessen am Gesamtverkehrsaufkommen mit weitem Abstand das sicherste Verkehrsmittel. Warum ruft also die breite Front der Journalistenzunft nicht bei jedem Flugzeugunglück nach dem generellen Verbot der Fliegerei?
Ein weiterer Vergleich: Denken sie an die Aufklärungswelle der 60er und die verbissen geführten öffentlichen Diskussionen über Pornografie. Heute würde jeder ausgelacht, der versucht Pornografie als alleinige Auslöser für sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder darzustellen und der Meinung ist, dass onanieren taub und blind macht. Kein Journalist würde heute auf die Idee kommen zumindest anlässlich von Prozessen gegen Mehrfachvergewaltiger nach dem Verbot von medialer Nacktheit zu schreien. Pornos sind wie "Killerspiele"; moralisch/ethisch grundsätzlich bemakelt bzw. polarisierend, aber die meisten mögen es, wie die jeweiligen Branchenumsätze deutlich zeigen.
2. Stil
Die in Ihrer Antwortmail kaum verhohlenen Beleidigungen als Antwort auf weniger wortgewandte Protestmails an ihre Redaktion entsprechen nicht meinen Vorstellungen seriösem journalistischen Stils. Dies ist wohl kaum zielgruppenorientierte Sprachwahl, sondern plumpes herabbegeben auf ein Niveau das Sie selbst als nicht wünschenswerte Verdummung anprangern.
3. Weblinks
Im folgenden beziehen sich meine Anmerkungen nur auf die direkt von Ihnen verlinkten Dokumente.
a. "Mediennutzung,Schulerfolg,JugendgewaltunddieKriesederJungen.pdf"
Diese Studie beschäftigt sich auch mit Gewaltkonsum in Medien, d.h. auch durch fernsehen und Videos. Der Titel Ihres Fernsehstücks und auch fast der gesamte Inhalt bezieht sich jedoch allein auf "Killerspiele". Hier natürlich die Frage an Sie nach dem Warum.
Inhaltlich ist an dieser Studie jedenfalls zu bemängeln, dass sie nur eine methodisch unsaubere Momentaufnahme darstellt, die lediglich auf einige Metastudien ohne konkreten Bezug verweist. In den für Ihren Beitrag wohl wesentlichen Inhalt der Seiten 15 ff. über den Zusammenhang von Medienkonsum und Jugendgewalt bleibt offen, wie unter Neuntklässlern der Begriff „Gewalttäter“ definiert wird. Meinen die Autoren Schulhofschubsereien oder musste dafür zumindest eine Verletzung des Opfers vorgelegen haben? Fragwürdig erscheint auch der Verweis auf die Anteilsentwicklung von Tatverdächtigen an Gewalttaten im Alter von 16 bis 17 während man sich in der Studie überwiegend mit Neuntklässlern (15 Jahre) beschäftigt und keinerlei Zahlenmaterial zur statistischen Relevanz dieser Altersgruppe im Rahmen der Gewaltkriminalität beifügt.
Die Abbildungen 16 bis 18 sind in ihrem Aussagegehalt diffus, denn es fehlt der Bezug zur übergeordnete statistische Relevanz. Insbesondere fehlt bei Abb. 18 a) und b) jegliches Datenmaterial zum generellen Gewaltverhalten von Realschülern und Gymnasiasten im direkten Vergleich, wenn man schon darlegen möchte, dass Schüler aus „heilem familiären Background“ nach Mediangewaltkonsum zur realen Gewaltausübung neigen. Zudem ist die Unterscheidung von „Ego-Shootern“ und „Kampfspielen“ nicht sinnvoll.
Weiterhin ist es m.E. keine großartige wissenschaftliche Erkenntnis, dass wer seinen Schulnachmittag verdaddelt keine guten Lernerfolge erzielen kann. Die Studie zeigt aber nicht auf, dass Computerspieler schlechter in der Schule sind, als Schüler, die nur vor dem TV-Gerät hocken.
b. “thueringer-allgemeine.de/ta/ta_media/ta.KomGut.pdf“
Dies ist keine wissenschaftliche Studie, sondern ein Untersuchungsbericht zum Tathergang mit dem Versuch von Erklärungen. Ab Seite 335 werden bei dem Täter gefundene Videos und Computerspiele beschrieben. Auf Seite 345 oben kommt aber selbst diese Kommission zu dem Schluss, dass „sicherlich von der Mehrheit der Gewaltvideos und Ego-Shooter konsumierenden Jugendlichen, deren moralische und ethische Vorstellungen eine Überschreitung der Tötungstoleranz vom virtuellen „sportlichen Wettkampf“ in das wirklich gelebte Leben verhindern.“
Weiterhin wird auch hier der Einfluss von Fernsehberichterstattung über Amokläufe auf die labile Psyche von Robert Steinhäuser berichtet...
c. „.mediengewalt.de/forschung/forschung-computerspiele.shtml“
Überwiegend nutzlose Linksammlung, weil meist nur Verlinkung auf journalistische Beiträge. Gegenseitiges zitieren zur Untermauerung von Aussagen und unreflektierte Übernahme von PR-Materialien ist eine stark zunehmend zu beobachtende Bequemlichkeit der Journalisten.
So weit dort links direkt auf Studienbeiträge oder Veröffentlichungen von Ministerien/ Behörden gehen, herrscht Uneinigkeit über die Signifikanz der Studienergebnisse. Ich denke keiner wird leugnen, dass Mediengewalt Einfluss auf die Entwicklung haben kann, aber welchen Größe dieser Mosaikstein im gesamten Entwicklungsprozess des Menschen hat, bleibt selbst bei Verfechtern des negativen Einflusses stets unklar. Es wird immer von einem Beitrag geredet, nicht wie relevant er für einen späteren Gewalttäter ist. Interessant und medial gänzlich unbeachtet: Die Stimmungsbilder von dem Link auf die Website von Waldemar Vogelsang.
d. Studie Kunczik / Zipfel
In der Tat sehr interessantes Material, dass offenbar nicht von Ihnen gelesen wurde. Bereits in der Einleitung warnen die Wissenschaftler vor Simplifizierungen und monokausalen Argumentationen bei denen immer nur andere Studienergebnisse punktuell zitiert werden, so lange sie dem eigenen Standpunkt zum Thema dienlich sind. Auf Seite 205 wird nach vorangegangener ausführlicher Darstellung auch hier noch einmal zusammengefasst, dass Mediengewalt nur ein kleiner Faktor in einem vielfältigen Ursachenbündel für reale Gewalt sein kann. Dies wird auf Seite 294 auch für Computerspiele bestätigt.
4. Sach- und Rechtslage
Gewalttätige Computerspiele sind für Kinder durch die USK-Einstufung verboten. Sie fordern trotz bestenfalls als unsichere zu bewertender Forschungslage ein völliges Verbot solcher Spiele, wollen also in den Rechtskreis Erwachsener eingreifen. Äußerst bedenklich, wenn Sie mit dem Recht der Menschenwürde von virtuellen Computer-Opfern gegen das Recht der echten Spieler auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht der ebenfalls realen Hersteller- und Vertriebsfirmen auf freie Berufsausübung antreten wollen. Computeranimationen sind keine Träger von Grundrechten, Spieler und Spiel-Anbieter jedoch schon.
5. Fazit
Man kann vielleicht heftig darüber diskutieren, ob die USK-Einstufungen vielleicht zu lasch sind und ob die zuständigen Aufsichtsbehörden stärker die Einhaltung der entsprechenden Altersfreigaben bei der Abgabe durch den Einzelhandel kontrollieren müssten. Man sollte sogar fordern, dass Eltern darauf achten, was ihre Sprösslinge so in und nach der Schule treiben. Man sollte vielleicht fordern, das Schulsystem und das Ehrenamt zu stärken und so Schüler entsprechende Förderung erfahren, wo Sie das Elternhaus aufgrund vielgestaltiger sozialer Probleme nicht leisten kann.
Vielleicht sollte man auch auf die Auswahl seiner Experten achten. Herr Prof. Pfeiffer ist sehr medienpräsent und karriereorientiert. Auch ARD und ZDF haben sich in jüngster Vergangenheit schon einmal in die Nesseln gesetzt, in dem sie bei jeder unpassenden Gelegenheit Lobbyisten der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ die sich hinter einem Neutralität ausstrahlenden Professorentitel tarnten, ein Mikrofon vor die Nase hielt und zum PR-Werkzeug bestimmter Interessengruppen wurde (vgl. WDR MONITOR vom 13.10.05)....
Mit Ihrem Fernsehstück und auch Ihrer Mail haben Sie sich jedenfalls ein grandioses journalistisches Armutszeugnis ausgestellt. Erst populistisch und subjektiv und dann per Mail noch eine Prise Überheblichkeit bei der Sie sich mit Ihren Weblinks selbst ad absurdum führen, da so gut wie nichts Ihre Thesen stützt. Sie zeigen sich nicht in der Lage Sachverhalte thematisch zu trennen und daraus eine adäquate realistische Forderung an die Gesellschaft mit Ihrem Beitrag zu stellen. Möglicherweise wollten Ihnen das, was ich Ihnen nun so wortreich aufzeigen musste, meine „Mit-Intelligenzbestien“ in der weniger eloquenten aber zumindest pointierten Weise, so wie Sie es in Ihrer Mail zitiert haben, mitteilen.
Ich hoffe Ihnen Ihren Ansprüchen genügend valide Argumente für die Blödsinnigkeit Ihres Beitrages und Ihre dabei zu Tage getretene fachliche Inkompetenz geliefert zu haben.
Mit freundlichen Grüßen