AW: News - Emsdetten: Chance für ein "Killerspiel-Verbot"
STARSCrazy am 22.11.2006 17:44 schrieb:
Auch hier nochmal mein Kommentar:
Merken die denn nicht, dass sie ein (mögliches) Symptom mit einer Ursache verwechseln. Zudem basiert ein Großteil der Argumentation auf einem naiven Trugschluss.
Wikipedia könnte helfen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Fehlschluss
(...)
Das ist doch das gleiche wie die Behauptung:
Tatsache 1: Jugendlicher XY spielt PC-Spiele (davon zum Teil "Killerspiele").
Tatsache 2: Jugendlicher XY begeht einen Amoklauf.
Schlussfolgerung: Der Amoklauf kommt durch den Konsum von PC-Spielen, speziell "Killerspielen"
Yep! Von einer Wirkung auf eine einzelne Ursache zu schließen nennt man "abduktives Schließen" und ist logisch inkorrekt. Genau das habe ich auch als erstes gedacht, als ich gestern die Nachrichten verfolgte.
Bei der Verteufelung von Shootern, die bei jeder Gewalttat von Jugendlichen immer wieder hochgekocht wird, handelt es sich jedoch, aus meiner Sicht, um eine Hexenjagd und damit um nichts anderes als
ganz gefährliche Augenwischerei, die von den viel schwerer wiegenden Ursachen für die seelische Instabilität ablenkt, die zu solchen Taten führt.
Diesen Beitrag auf Tagesschau.de fand ich z.B. einmal etwas näher an der Realität: "Schule kann die Hölle sein"
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID6113434,00.html
Ein Politiker, der denkt, er könne Gewalttaten von Jugendlichen durch ein Verbot von Gewaltspielen verbieten, sollte sich, anstatt die immer gleichen Parolen herunterzubeten, Antworten auf die folgenden Fragenkomplexe stellen:
1. Sind Computerspiele das erste und deutlichste Medium, das junge Menschen mit Gewalt konfrontiert oder zur Gewalt motiviert? Gehen die internationale oder die nationale Politik und auch Menschen in "kleineren" Machtpositionen auf niedrigerer Ebene, wie Lehrer, Eltern, Chefs mit gutem, friedfertigem Beispiel voran oder sind Konkurrenz und das Ablassen des eigenen Frusts und eigenen Unfähigkeit an Schwächeren oder Untergebenen nicht geradezu omnipräsent?
2. Erscheint seelisch verletzendes Handeln für den Handelnden immer als solches? Wieviel Rücksichtnahme und Verantwortungsbewußstsein, kann in einer Konsumgesellschaft aufwachsenden Menschen glaubhaft vermittelt werden, wenn gleichzeitig die Umwelt ständige Leistungsbeweise fordert, z.B. in der Schule, und junge Leute anhand von Oberflächlichkeiten im permanenten Vergleich miteinander stehen, wie durch Cliquenzugehörigkeit, Markenkleidung, sportliche Leistungen und Ausdrucksfertigkeiten, während die Fähigkeit zur emotionalen und geistigen Tiefe sich vielleicht eher durch "uncooles" Zögern, Zweifeln oder Zurückziehen ausdrückt und dadurch leicht soziale Nachteile nach sich zieht. Wie befreit sich jemand aus einer solchen Falle, ohne gegen sein eigenes, vielleicht im Vergleich viel ausgeprägteres Gewissen zu verstoßen? Wie erträgt man solchen Druck? Schon mal darüber nachgedacht, wie unvergleichlich allein ein Jugendlicher sich fühlen kann, selbst wenn die Eltern Interesse zeigen?
3. Durch welches Verhalten, erzielt ein Spieler hohe Erfolge in Taktik-Shootern, wie Counter Strike. Was zählt? Was lernt er? Warum fühlen sich Einzelgänger und vermeintliche Schwächlinge hier angeblich plötzlich stärker? Durch das Blut? Durch die Gewalt? Oder durch die freie Entwicklungsmöglichket eigener Geschicklichkeit und rascher Auffassungsgabe, die selten in derartig hohem Maße gefordert sind, wie im Sport oder einem Team-Shooter? Bleibt jemand, der im direkten Kontakt mit Menschen immer wieder schlechte Erfahrungen gemacht hat, in einem Sportverein, wo er vielleicht weiterhin von anderen Mitgliedern verlacht, ausgebuht oder gemobbt wird, oder würde er nicht doch eher seine inneren Fähigkeiten, ohne Angst vor Ausgrenzung und Bloßsstellung in der Anonymität eines Spiels an seinem Computer und in der Anonymität des Internets ausleben, wo es beliebig viele neue Chancen und von der äußeren Erscheinung unabhängiges Feedback für Leistungen gibt?
3. Wieviele Schüler, die keine Computerspiele spielen, haben wohl jeden Tag trotz allem Angst vor der Schule und Mitschülern, erleben Rache- und Gewaltfantasien und Haß auf ihre Umgebung, die über alles in Computerspielen darstellbare hinausgehen ohne jemals darüber zu sprechen, weil es niemanden gibt, der ihnen dabei helfen kann, da nur das selbst bestehen wenigstens einen kleinen Rest des Selbstwertgefühls aufrecht erhält?
4. Und wieviele, die vielleicht dem Druck nicht mehr standhalten können, retten sich vor der Umsetzung ihrer Gewaltfantasien in der Realität durch Ableitung dieser Energie in virtuelle Schlachten?
Nicht jeder erlebt in seiner Schulzeit Ausgrenzung in einem solchen Ausmaß, daß er die Gedanken daran sein Leben lang nicht abschütteln kann. So manche Rede von Politikern in den letzten Tagen klingt mir allerdings mehr nach dem Ton derer, die in ihrer Jugend entweder von solchen Erfahrungen verschont geblieben oder gar auf der eher unterdrückenden oder, noch schlimmer, wegschauenden Seite gewesen sind. Empathie ist bei den Parolen eines Herrn Beckstein oder Schünemann jedenfalls nicht zu spüren. Paßt, meiner Ansicht nach, auch nicht zu ihren Lebensläufen, die sie auf ihren Homepages darlegen.
Ich will Shooter-Spiele nicht als Heilsbringer darstellen. Sie gehören für Nichtvolljährige verboten, auch wenn das Letztere selten davon abhält, sie dennoch zu spielen. Und ja, es sind tatsächlich Spiele produziert worden, die vollkommen kranke Ideen, wie das regelmäßige eigenhändige Töten Wehrloser beinhalten. Solcher Dreck gehört selbstverständlich verboten.
Ich verleugne nicht, daß häufiges Shooterspielen Auswirkungen auf den Charakter haben kann. Aber ich wäre vorsichtig mit einer Festlegung auf eine klare Richtung. Ich bin mir jedoch sicher, daß die Effekte dieser Spiele so vielfältig in positiver wie negativer Hinsicht sind, daß ein Verbot von "Killerspielen" sicher nicht die Zahl zukünftiger Amokläufe verringert.
Wie bereits gesagt, wer Menschen- oder Lebenshaß in sich wachsen spürt, wird vielleicht auch ein Killerspiel ausprobieren oder gar damit "trainieren". Der Umkehrschluß ist aber nicht zulässig und zumindest weit davon entfernt, eine ausreichende Begründung zu sein. Die Psychologen in den Medien sprechen im Zusammenhang mit Shooterspielen sehr oft von "Machtgefühlen" der Spieler. Ich denke, diese interpretieren oft fälschlich die Macht über Leben und Tod dort hinein, im Gegensatz zur dem Erfolgsgefühl, die eigene Geschicklichkeit und Einfallsreichtum unter Beweis zu stellen und irgendwo spübar und meßbar besser als andere zu sein oder zu werden zu können.
Viel notwendiger als irgendwelche Verbote, ist eine bewußtere und in viel früherem Alter ansetzende Einbeziehung von Stress- und Konfliktbewältigung in Schulen. Wenn ich an meine Schulzeit in den 80er und beginnenden 90er Jahren zurückdenke, so waren die typischen ethischen Fächer, wie Religion, Ethik, Philosophie, Sozialwissenschaften, Geschichte usw., absolut nicht darauf ausgelegt, das Seelenleben der Schüler zu unterstützen und ein bewußteres Miteinander zu motivieren. Ethische und moralische Inhalte waren immer viel zu weit weg von den Betroffenen. Theorie und Praxis klaffen heute scheinbar immer noch sehr weit auseinander. Im Klassenraum werden Lehren über Krieg und Frieden geschwungen, ordentlich Leistungsdruck aufgebaut, der ohne Erfolg verpufft. Nur der Stress bleibt. Und auf dem Schulhof taucht die wirkliche Welt der Kids wieder auf, wird geprügelt, gestohlen, erniedrigt, ausgegrenzt und der nächste Markenklamottenkauf geplant.
DAS ist das wirkliche Problem unter dem viele mehr als man denkt, über viele Jahre ihres Lebens leiden müssen, ohne ernstgenommen oder überhaupt wahrgenommen zu werden. Bisher gibt es für die Opfer keinen anderen Weg als schlicht "Durchhalten" und "Zähnezusammenbeißen". Aber wenn sie es dann nicht mehr schaffen und zu Tätern werden, beginnt das große Rätselraten und keiner hat was gewußt. Oh, der spielte ja CS... alles klar.
