Chemenu am 22.01.2007 10:47 schrieb:
In vielen Filmen gibt es Szenen wo Menschen gefoltert werden. Sei es aus Rache, oder aus purer Verzweiflung um an evtl. wichtige Informationen zu gelangen. Ich denke da an Filme wie "Mann unter Feuer" mit Denzel Washington. In solchen Fällen halte ich Folter für absolut angebracht, würde es auch selber jederzeit tun wäre ich in einer solchen Situation. Warum darf sowas in Spielen nicht auch realisiert werden? Nur weil man dann selber das Knöpfchen drückt und nicht nur zuschaut? Alles Bullshit.
Vom psychologischem Blickwinkel betrachtet gibt es da schon frappierende Unterschiede. Filme sind in ihrer Darstellung meistens gegliedert und ineinandergreifend aufgebaut. Jede Figur bekommt im Rahmen der Filmdauer feste Rollen, ein festes Verhalten und der meist vorhandene Held hat ein eindeutiges Charakterbild. Filme sind in der Regel so ausgelegt, dass der Zuschauer einige Figuren sieht mit denen er sich identifizieren kann, deren Handlungen er aber weder bestimmen, noch beeinflussen kann. Der Zuschauer wird nicht zum Mittelpunkt gemacht, sondern nur zum stillen Betrachter, zur kleinen passiven Maus die zwar gucken kann, aber nicht anfassen darf. Zumal sind Filme im Aufbau oftmals "moralisch" gegliedert (außer es handelt sich um debilen Splattermist ohne Sinn und Inhalt), es wird klar abgesteckt wie weit eine Person gehen kann, wie sich eine Person gibt, wie eine Person auf Handlungen und Bedrohungen reagiert. Ein Denzel Washington in "Mann unter Feuer" foltert zwar einen Bösewicht aus Rache, würde aber niemals unschuldige Menschen foltern oder gar töten. Er spielt einen brutalen Kerl, der aber auch Selbstzweifel hat, von Reue (!!!) geplagt wird und sein Leben wegen seiner Taten (!!!) nicht mehr lebenswert findet. Selbiges Schema z.B. bei der Figur "Frank Castle" aus dem Film / Comic "The Punisher". Er ist nahe dem Selbstmord, handelt nur aus Rache, setzt sich aber für die Schwachen und Unschuldigen ein. Darüber hinaus wird Castle in seiner Funktion als "Punisher" niemals glücklich, er "arbeitet" seine Listen ab, aber er empfindet weder Befriedigung noch Glück. Filme gehen daher in der Regel mehr oder weniger verantwortungsbewusst mit Gewalt um, und setzen innerhalb der Filmhandlung feste Rahmen die eine Figur nicht verlässt. Ein gewisses moralisches System ist in den Handlungen und Dialogen der Figuren immer erkennbar. Wenn die Figur Reue und Mitleid empfindet, dann überträgt sich das in der Regel auch auf den Zuschauer, und dieser fragt sich ob Gewalt in dieser Situation wirklich angebracht gewesen wäre.
Spiele hingegen haben oftmals keinen moralischen Rahmen. Man spielt keine Helden die Reue, Mitleid oder Angst empfinden. Spiele sind auf den zentralen Mittelpunkt zugeschnitten, den Spieler. Sie thematisieren nur die Gewalt, aber niemals die emotionalen Folgen (außer vll. Max Payne). Man tötet in Postal 2 20 Polygonfiguren (wie der Typ mit dem hirnlosen P2-Gorevideo weiter oben), jedoch zeigt das Programm keine Resonanz, bzw. macht klar, dass der Tod von Zivilisten nicht unbedingt angebracht ist. Selbiges in GTA. Der Spieler kann mühelos Zivilisten umfahren, die verfolgenden Polizisten umbringen und hat den Status eines Vogelfreien. Moralische Limitierung? Aufweisung von Grenzen? Nicht die Spur. Der Spieler wird zum Mittelpunkt, er kann, soll und darf ohne Folgen Figuren töten. Der schlimmste Punkt ist jedoch der der Projektion: Der Spieler wird zum "Helden". ER kann frei und ohne befürchten zu müssen effektiv gestoppt zu werden seine Untaten vollbringen. Programme sind immer so aufgebaut, dass der Spieler stärkere Waffen hat als der Gegner, mehr Leben, und sich nicht um die Folgen seiner Handlungen kümmern muss. Absolut gegenteilig zu jedem Film, wo zumindest einige Kriterien klar aufgezeigt werden, und die Hauptfigur nicht auf den Zuschauer projiziert wird, sondern man sich maximal nur mit Handlungen identifizieren kann. Daher schließe ich mich Politikern auch ganz klar an wenn diese sagen, dass man Filme und interaktive Spiele klar zu trennen hat.
Möcht nicht wissen wie viele Kritiker sich wegen Gewalt in Spielen ans Bein biseln und dann aber zu Hause sitzen und sich ihre Snuff-Filmchen reinziehn...
Eine relativ haltlose "Argumentation", meinst du nicht auch?
Aber warum es Filme wie Hostel, SAW usw. geben darf, Spiele dieser Art aber verpönt sind, entzieht sich meiner Logik....
Siehe oben. Zwischen Film und Spiel gibt es eben doch Unterschiede, und diese Fallen nicht zu knapp aus. Geht man nach deiner Sichtweise, dann müssten auch schon Spiele die sich mit echten Tragödien beschäftigen einen gesellschaftlichen Stand haben. Als jüdischer Häftling eines KZ könnte man z.B. in Adventuremanier versuchen einen Fluchtweg aus dem Lager zu finden, sich vor drohenden Exekutionen und weiteren Deportationen schützen indem man sich in Klos, Öfen oder sonstigen unappetitlichen Regionen versteckt. Fraglich ist immer auch, ob so noch eine gewisse emotionale Distanz gewahrt bleibt. Im Film "Schindlers Liste" sind solche Inhalte von schockierender Natur, sie amüsieren nicht, sondern schildern nur recht eindringlich geschichtliche Grausamkeiten. Spiele hingegen sind als Unterhaltungsware ausgelegt, ob es jetzt sonderlich unterhaltsam sein soll solche Sachen nachzuspielen will ich mal nicht beantworten. Zumal fehlt jegliche distanzierte und sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik. Es würde einfach der Respekt vor solchen menschlichen Katastrophen fehlen. Und zum Teil fehlt er bereits jetzt schon in Ego-Shootern die im WW2 angesiedelt sind. Zwar nicht so geschmacklos wie das KZ-Thema, aber ganz "sauber" ist die Spielidee auch nicht. Wie man die Thematik WW2 angehen kann zeigt z.B. "Band of Brothers", in Spielen hingegen gibt es nur ein klares gut oder ein klares böse. Die GUTEN Amerikaner, die BÖSEN Krauts, die ALLE sterben MÜSSEN. Da gibt es keine Differenzierungen, keine sachliche Betrachtungen der Ereignisse. Und gerade dieses Einheitsdenken ohne Platz für eigene Ideen ist das Fatale an diesen Spielen.
Regards, eX!