[...] die satirische Plattform der ganzen Geschichte war niemals das unsinnigerweise immer wieder rezitierte und vollkommen unwichtige Gedicht, sondern die Aktion darum herum. Der Zusammenhang, der in fast sämtlichen Diskussionen darüber komplett verloren gegangen ist. Und der ging so:
Um die schnaubende Empörung des wütenden Giftzwergs zu kommentieren, die bereits der sehr gelungene Erdogan-Song der Kollegen von Extra 3 ausgelöst hatte - inklusive der daraus folgenden unverschämten Forderung des stinkbeleidigten Türken-Chefs, die deutsche Politik solle regulierend einschreiten - legte Böhmermann noch einen drauf und erklärte in der Sendung, dass freie Meinungsäußerung und Satire bei uns nun einmal sehr wohl erlaubt seien. Ganz im Gegenteil zu einer böswilligen Schmähkritik, die einfach nur auf Beleidigung aus sei - so wie das daraufhin zitierte Erdogan-Gedicht...
von dem sich Böhmermann danach selbst distanzierte. Okay, klar - das war natürlich als Provokation gemeint. Keine Frage.
Aber nur als Provokation, die einem tobenden Despoten den verbalen Mittelfinger in rechtmäßiger Empörung entgegen streckt und sagt:
'Hör genau zu, Rumpelstilzchen, da kannst du noch so sehr mit Schaum vor dem Mund herum wüten, weil du deine vermeintliche kleingeistig-engstirnige Ehre angekratzt wähnst und dich beleidigt fühlst - wir leben glücklicherweise in einem Land, in dem Humor noch nicht verboten ist und in dem man frei sprechen darf. Und wenn man es geschickt macht, kann man dich sogar noch viel mehr ärgern, ohne dich wirklich offensiv zu beleidigen. Denn das ist der Kern der Satire und der Redefreiheit! Ha!'
Blöd nur, dass dies Spiel mit der Meta-Ebene ein wenig zu hoch angesetzt war für die meisten... die sich nur auf das (leichter emotional verwertbare) Schmähgedicht warfen. Denn dass ein so billig provokantes Werk mit billigem Fäkalhumor eine zweite Ebene besitzen könnte, das konnte und wollte sich einfach keiner vorstellen.
Die Reaktion des ZDF und Angela Merkel, die in Unkenntnis bzw. Unverständnis der kompletten Geschichte in voraus eilendem Gehorsam der möglichen Empörung des zürnenden Muselmanen zuvor kommen wollten, waren dabei der tödliche Stich ins Herz genau der Satire und Redefreiheit, die sie eigentlich alle vorgaben zu verteidigen. [...]
Man muss die Aktion von Böhmermann nicht mögen. [...]
Aber:
man darf Böhmermann deshalb nicht zur Staatsaffäre machen.
Man darf ihn nicht anklagen oder als Politiker die Möglichkeit eröffnen, dass es überhaupt zu einem Prozess gegen ihn kommt - denn dies wäre kein Prozess um eine mögliche Beleidigung/ Schmähkritik oder eine Person, sondern vor Gericht stände das Recht auf Satire und Meinungsfreiheit an sich - die nämlich dann jederzeit verboten werden könnte, wenn der Adressat eines Scherzes den Witz nicht versteht. [...]
Eigentlich ist es in seiner Absurdität fast schon wieder lustig...
aber darf man darüber lachen, wenn das Recht auf Satire getötet wird?