• Aktualisierte Forenregeln

    Eine kleine Änderung hat es im Bereich Forenregeln unter Abschnitt 2 gegeben, wo wir nun explizit darauf verweisen, dass Forenkommentare in unserer Heftrubrik Leserbriefe landen können.

    Forenregeln


    Vielen Dank
  • Kritk / Fragen / Anregungen zu Artikeln

    Wenn ihr Kritik, Fragen oder Anregungen zu unseren Artikeln habt, dann könnt ihr diese nun in das entsprechende Forum packen. Vor allem Fehler in Artikeln gehören da rein, damit sie dort besser gesehen und bearbeitet werden können.

    Bitte beachtet dort den Eingangspost, der vorgibt, wie der Thread zu benutzen ist: Danke!

Sid Meier's Colonization: Inoffizielles Remake 1492 bleibt auf Steam verschwunden

PCGH_Thilo

Chefredakteur PCGH
Registriert
29.03.2001
Beiträge
309
Reaktionspunkte
180
Es ist wichtig, dass die Redaktion hier journalistisch am Ball bleibt. Aber der Artikel kratzt leider nur an der Oberfläche.

A) Warum hat Steam das Spiel sofort und ohne Frist aus dem Vertrieb genommen? Die juristische Tragweite dieses DMCA-Takedowns ist viel problematischer und nicht das, was die Entwickler (Salty Olives) gegenüber ihrer zahlenden Kundschaft behaupten.

B) Hinter den Kulissen versucht Salty Olives mit allen Mitteln - mit Zensur - gegen diese unbequeme Wahrheit vorzugehen: Auf der offiziellen Steam-Community-Seite werden kritische, aber unbequeme Beiträge kommentarlos gelöscht und Nutzer mit fadenscheinigen Begründungen permanent gebannt.




A) Was für ein juristisches Damoklesschwert hängt wirklich über "1492 Colonization"? Und ist das Spiel damit faktisch tot?


Das können wir anhand der Kommentare der Entwickler, dem Ablauf bei Steam und den technischen Beweisen und dem US-Bundesrecht erkennen. Spoiler: Es ist nicht das, was Salty Olives behauptet.

Schauen wir uns zunächst die offizielle Stellungnahme des Entwicklers vom 30.04. an:

"Die Shop-Seite für '1492: Colonization of the New World' ist derzeit aufgrund einer rechtlichen Mitteilung nicht verfügbar. Wir prüfen die Situation und arbeiten daran, das Problem so schnell wie möglich zu beheben. Das Spiel wird wieder im Shop verfügbar sein, sobald dieser Vorgang abgeschlossen ist. Vielen Dank für eure Geduld..."

Das ist nackte Schadensbegrenzung. Die Käufer werden bewusst über die rechtlichen Konsequenzen im Unklaren gelassen.

1. Wer hat da eigentlich abgemahnt - und warum?

Der Entwickler behauptet, der Strike von Take-Two sei ein "Missverständnis" oder ein "KI-Irrläufer", da historische Fakten ("Public Domain") nicht geschützt seien. Das hat keine juristische Grundlage und führt gegen das US-Bundesrecht ins Leere. Dazu gleich mehr.

Zuallererst: Take-Two ist der Rechteinhaber von Sid Meier's Colonization - und es wird weiter kommerziell auf Steam vertrieben:

https://store.steampowered.com/app/327400/Sid_Meiers_Colonization_Classic/

Take-Two besitzt also alle Rechte (Spiel-Architektur, Mechaniken, Ressourcen-Kreisläufe, Kolonie-Aufbau) des Originals. Wenn also ein Einheit "Elder Statesman" Freiheitsglocken in einer Kolonie produziert, dann ist das zu 100 Prozent geschützt. Sogar der Boost um 50 Prozent durch den Bau einer Druckerpresse wurde "übernommen". Man könnte das jetzt Seite um Seite immer weiter so fortsetzen, bis von der Spielmechanik nichts Eigenes mehr übrig bleibt.

Herrje, sie "übernahmen" sogar die Eigenschreibweise "Colonization" statt Colonisation im Namen!

Wir müssen aber nicht darüber diskutieren, ob das Spiel von Salty Olives wirklich ein 1:1-Klon ist - denn das ist ein Streit, der jetzt vor einem US-Bundesgericht geführt werden muss:

2. Auf dem Spiel lastet ein DMCA-Takedown

Der Entwickler Salty Olives schrieb in seinem Statement:

"Take-Two Interactive has sent a legal notice to Valve Corporation regarding alleged IP concerns."

Valve ist ein Milliardenkonzern und löscht keine Spiele, nur weil ein anderer Publisher eine böse E-Mail schreibt. Valve schaltet eine Store-Page ausschließlich dann sofort und ohne Vorwarnung ab, wenn eine formelle DMCA Takedown Notice (nach 17 U.S.C. § 512) eingeht.

Valve hat das Spiel sofort offline genommen.

Das war reiner Eigenschutz: Valve agiert unter der "Safe Harbor"-Klausel. Diese schützt eine Plattform wie Steam davor, für die Urheberrechtsverletzungen ihrer Nutzer verklagt zu werden – aber nur, wenn Valve beanstandetes Material nach Eingang einer formellen Beschwerde "unverzüglich" (expeditiously) entfernt. Würde Valve das Spiel nach der Take-Two-Notice online lassen und einen "Kompromiss" aushandeln, würden sie ihre rechtliche Immunität verlieren und könnten von Take-Two auf Schadensersatz verklagt werden - in den USA. Stichwort: in Millionenhöhe

3. So müsste Salty Olives jetzt rechtlich konform reagieren:
Um das Spiel jemals wieder auf Steam zu bringen, lässt das US-Urheberrecht nur einen einzigen, extrem riskanten Weg zu: Salty Olives muss bei Valve eine formelle Gegenanzeige (Counter-Notice) einreichen.

Darin müssten die Entwickler – unter Androhung der Meineidsstrafe (penalty of perjury) – schwören, dass der Takedown ein Fehler war und sie die vollen Rechte an der Spielarchitektur besitzen. Reichen sie diese Counter-Notice ein, ist Take-Two gesetzlich gezwungen, innerhalb von 10 bis 14 Tagen eine Klage vor einem US-Bundesgericht einzureichen, um den Re-Release zu blockieren.

Salty Olives müsste also nicht einfach nur einen Urheberrechts-Prozess, sondern eine millionenschwere Zivilklage gegen den Grand-Theft-Auto-Publisher provozieren.

Wie aussichtsreich ist das? Salty Olives schiebt ein "Public Domain"-Argument vor (die Behauptung, historische Settings seien nicht schützbar). Das zerfällt vor Gericht in Sekunden. Jeder Laie kann die 1:1 kopierten Spielmechaniken und Ressourcen-Kreisläufe auf den Tisch legen. Das wissen die Entwickler selbst. Eine Counter-Notice wird es deshalb sehr wahrscheinlich niemals geben.

Das Spiel ist rechtlich auf Steam "tot": Valve wird sich auf keinen "Kompromiss" einlassen, denn über dem Konzern lastet dann selbst das Damoklesschwert einer millionenschweren Klage von Take-Two.

4. Und so reagiert Salty Olives: Löschen, Bans & Kosmetik heilen kein Plagiat

Der Entwickler erklärt nicht die harte, existenzbedrohende Realität des formalen DMCA-Takedowns von Take-Two. Er lässt nicht einmal die Erwähnung dieses Namens zu. Er löscht betreffende Beiträge dazu auf der Stream-Community-Seite (dazu in einem eigenen Post mehr).

Die Spieler haben ein Spiel gekauft - und sollen offenbar nicht einmal erfahren dürfen, was mit dem Spiel nicht stimmt.

Stattdessen bekommen sie kryptische zwei Zeilen von einem temporären "Public Domain"-Missverständnis - das sich mit kosmetischen Updates beheben ließe. In den Patchnotes (1.0.9) erklärt der Entwickler, dass die Änderungen "primarily visual and do not affect gameplay" seien. Ein neues UI und ein anderer Name heilen aber nicht die Urheberrechtsverletzung an der tiefliegenden Software-Architektur.

Was würde vom Spiel übrig bleiben, wenn der Entwickler alle Spiel-Mechaniken aus Sid Meier's Colonization entfernt?

Die spannende Frage ist jetzt: Was bedeutet das für die Spieler, die 25 Euro für ein digitales Geisterschiff ausgegeben haben? Und warum greift der Entwickler im eigenen Steam-Forum aktuell zu drastischen Zensurmaßnahmen und permanenten Bans gegen jeden, der genau diese juristischen Fakten ausspricht?

(Dazu im nächsten Post mehr, um den Rahmen hier nicht zu sprengen).
 
Zurück