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Falconer75

Zocker und Soccer

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von am 04.06.2014 um 11:41 (2087 Hits)
Nächste Woche geht sie los, die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Die Fähnchen sind bereit gelegt, die Grills gereinigt und einsatzbereit, das WM-Fieber steigt. Nicht nur bei denen, die sowieso ganzjährig diesem Sport verfallen sind, sondern auch bei vielen, die nur alle zwei Jahre bei großen Turnieren ihrem Land die Daumen drücken. Lustigerweise sind es gerade die unregelmäßigen Fans, die bei Erfolgen der Nationalelf besonders heftig abgehen.

Klar, beileibe nicht alle Zocker können mit Soccer was anfangen. Nach einer nicht repräsentativen Umfrage des Verfassers dieses Blogs sind Fußball-Fans unter Core Gamern sogar unterdurchschnittlich vertreten. Aber selbst für diese Ungläubigen schreibe ich diesen Text. Sind ja auch Menschen. Irgendwie. Denn: Vom Zocker zum Soccer. Das ist gar kein weiter Weg...

Kommt es mir nur so vor, oder sind sowohl der Fußball als auch die Computer- und Videospiele in den vergangenen 30 Jahren immer mehr zur Wissenschaft geworden? Wenn bei FIFA 14 Kommentator Frank „Buschi“ Buschmann 23-mal pro Halbzeit den wohlklingenden Satz bringt: “Das nennt der Abiturient antizipieren“, dann ist das schon eine besondere Art der Schlaumeierei. Aber auch in Game-Rezensionen wird ja sehr gern der akademische Diskurs gepflegt. Ich sag‘ nur „generisch“… Dieses Adjektiv wird meist zusammenhanglos mit sehr unterschiedlich nuancierten Bedeutungsinhalten verwendet und soll scheinbar auf eine höhere Kategorie oder Hierarchiestufe der Denkstrukturen des Redakteurs hinweisen. Ihr versteht? Ich auch nicht.

Man sollte als Zocker oder Soccer-Fan also heutzutage mindestens hochbegabt sein, um seinem Hobby nachgehen zu können. Früher war das irgendwie anders. Als Lothar Matthäus Anfang des Jahrtausends (weniger hochbegabt, dafür hochbetagt) als Libero für Deutschland abgeräumt hat, hieß es noch, er mache „fehlende Schnelligkeit durch Erfahrung wett“. Ob Baumschüler oder Professor, das kapiert jeder. Langsam, aber abgewichst halt.

Wer bei GTA V einfach um des Spaßes wegen zockt, der ist arm dran. Weil er die Botschaft hinter dem Game nicht begreift. Selbstkritik, Parodie oder Pamphlet? Das sollte man schon einzuordnen wissen. Einfach nur auf dem Controller rumhacken und unschuldige Passanten niedermähen ist ja voll 90er. GTA I hat das geboten. Alle Lebenszusammenhänge zu „kalifornisieren“, die „Spannung zwischen dem Versprechen auf eine reine Zukunft und den Ruinen des geplatzten amerikanischen Traums nur mit einer Dauerironie der eigenen Umwelt gegenüber auszuhalten“, das schafft GTA V. Meint jedenfalls eine Qualitätszeitung aus Berlin. Weißt du Bescheid.

Ich bezweifle ja, das heutige Abiturienten alle wissen was antizipieren und generisch bedeutet. Aber vor 10 Jahren wären Zocker und Soccer-Anhänger sich einig gewesen, was sie von solchem Dampfgeplauder halten. Gar nichts.

Früher wurde einfach geahnt, was der Gegner auf dem Platz vorhat. Ohne zu antizipieren. Virtuell wurden sie einfach weggeballert, ohne sich über den Schattenwurf der dargestellten Utopie bewusst zu sein. Auch intelligentes Kurzpassspiel gab es noch nicht, dennoch reichte der IQ der meisten Spieler am Ball oder am Controller dafür aus, richtige Entscheidungen zu treffen. Den Ball zum Mitspieler zu passen war schon damals besser, als ihn dem gegnerischen Stürmer zu servieren.

Wenn man sich heute die Taktiktafel eines Jogi Löw oder manche Extrakästen der Spiele-Magazine anschaut, ist die Wahrscheinlichkeit damit einen alten Goldschatz in der Karibik zu finden größer, als das Gewirr aus Linien, Kurven und Zahlen im Bezug auf das Spiel zu verstehen.

Fußball und Games sind eine Wissenschaft geworden. Aber in erster Linie sollten sie doch eines sein: Pure Emotion. Und die findet zuallererst im Bauch und im Herzen statt. Dann kommt irgendwann der Kopf. Für viele sind sie eine erste Liebe, die niemals vergeht. Hormongesteuerte Fans, die leidenschaftlich ihrem Hobby nachgehen. Sich streiten, sich freuen. Bei allen Unterschieden, bieten Games und Fußball ein unglaublich weites Feld an Gefühlen, die nur nachvollziehen kann, wer nicht rational an die Sache rangeht. Irgendwann als Kinder sind wir den heiligen Bund mit unserem Hobby eingegangen. Und das ist es, was echte Liebhaber ausmacht. Zocker oder Soccer. Egal. Hauptsache mit vollem Herzen dabei.
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